Die Obama-Rede anläßlich der Verleihung des Friedensnobelpreises Drucken E-Mail
Si vis pacem para bellum

Die Klitschko-Brüder wissen, obwohl promoviert, welch „schwere Kost“ Tolstojs Roman „Krieg und Frieden“ darstellt. Wenn US-Präsident Obama, von dem sich alle Welt im Unterschied zu Bush Anstöße zu einer Welt mit mehr Frieden und weniger Krieg erwartet, darüber referiert, wie Krieg und Frieden zusammengehören, ist das offenbar leichter verdaulich. Bei seiner Ehrung mit dem Friedensnobelpreis – zeitgleich zu seinem Beschluss, den Krieg in Afghanistan mit allen Mitteln bis zu einem für Amerika (und seine Verbündeten) erfolgreichen Ende zu eskalieren, - hat der neue Preisträger gerade mit seinen offensiven Bekenntnissen zum guten Sinn militärischer Gewalt viel Anerkennung gefunden. Skepsis kam in einigen Kommentaren nur insoweit auf, als Obama noch gar nicht viel Praktisches erreicht habe in Sachen Befriedung.

 

In seiner Preisrede gab sich der Präsident des militärisch stärksten und kriegserfahrensten Landes, dem würdigen Anlass entsprechend, als nachdenklicher Verantwortungsträger. Natürlich sei Krieg keine schöne Sache. Aber manchmal, da täuschen sich Friedensidealisten drüber hinweg, eine leider notwendige Angelegenheit. Obama: „Als Staatschef habe ich geschworen, meine Nation zu schützen und zu verteidigen.“ Da könne er sich nicht nur vom sicher lobenswerten Ideal der Gewaltlosigkeit leiten lassen. Mit Verhandlungen werde man Al-Quaida nicht entwaffnen, so der neue Friedensnobelpreisträger, der offenbar ganz genau weiss, wieviele Länder mit dauerhaftem Waffeneinsatz überzogen werden müssen, um eine Handvoll islamistischer Desperados (noch immer nicht) ihrer bösen Waffen zu entledigen. Es geht eben um Austrocknung eines riesigen Sumpfes, dem antiamerikanische Umtriebe entspringen. Wie auch immer: Das nationale Sicherheitsinteresse seines Landes, das sich weltweit erstreckt, steht über dem schönen Wert der Gewaltvermeidung. Ein weltweiter Herrschaftsanspruch, den man Imperialismus nennen könne, liege im Fall Amerikas freilich keineswegs vor. SZ vom 11.12.09: „Obama widersprach der Vorstellung, dass sich die USA bei ihren militärischen Einsätzen von imperialistischen Ideen leiten ließen.“ Das böse Wort dürfe man nur dort anwenden, wo es um Eroberung fremder Länder gehe; das aber sei nicht Absicht der Vereinigten Staaten. Seine Nation wolle nur sicherstellen, dass in anderen Ländern nichts Amerikafeindliches aufkommen kann: „ Wir handeln in aufgeklärtem Selbstinteresse.“ Wo Feinde Amerikas erfolgreich sind, da wird nicht nur Amerika getroffen, sondern die gute Mission dieser Nation in der und für die ganze Welt behindert. Und das ist nun einmal böse und verdient als Antwort Gewalt. Neu ist so ein Dilemma für eigentlich dem Frieden verschriebene Verantwortungsträger aber nicht. Schon immer ging es um Gut und Böse und da fallen eben auch mal ein paar Späne. Obama: „Das Böse existiert in der Welt. Es ist die Anerkennung der Geschichte, der Fehler der Menschen und der Grenzen der Vernunft.“ Darum geht es also recht eigentlich: In Anerkennung dieser Grenzen der menschlichen Vernunft hat sich Amerika eine riesige Militärmaschinerie zugelegt und muss deren Einsatz immer mal wieder anordnen. Unabhängig von der Dümmlichkeit seiner Ausflüge ins Anthropologische kann man dem guten Mann ein paar harte Wahrheiten über seinen Beruf schon entnehmen. Er zeigt auf, wie unsinnig die hoffnungsfrohe Entgegensetzung von Krieg und Frieden ist. Frieden unter Staaten ist nichts als vorläufiger Gewaltverzicht: Wenn es das „aufgeklärte Interesse“ gebietet, muss der Frieden durch Krieg unterbrochen werden. Wenn der Krieg aber erfolgreich zu Ende und das Böse kleingemacht ist, dann kann wieder Frieden einziehen, im Irak, in Afghanistan und anderswo. Krieg ist insoweit nichts als die Erzwingung, also die Ermöglichung von Frieden. Und Obama hat noch nachgelegt: „Frieden sei nicht einfach die Abwesenheit eines sichtbaren Konfliktes. Sicherheit könne es nicht geben, wo Menschen nicht genug zu essen, kein sauberes Wasser und kein Obdach hätten.“ Angekündigt haben wollte er damit nicht, dass er in Zukunft die amerikanischen Slums beseitigen will. Eher hat Obama an Menschen anderswo gedacht, denen der vordergründige Frieden in ihrem Land nichts bringt, die also auf die Einsicht der Mächtigen in Washington angewiesen sind. Von dort weht der Wind der Freiheit, der Befreiung von Not und Elend. Mit Krieg, versteht sich.