
| Noch ist Polen nicht verloren |
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Es gibt eben solche und solche Menschen, wertvolle und weniger wertvolle. Wenn – wie jetzt in Smolensk – große Teile der polnischen Elite beim Flugzeugabsturz dahingerafft werden, dann handelt es sich offensichtlich um ein extra tragisches Unglück. Das wissen als allererstes die berichtenden Medien – in Polen zuerst, aber auch in Deutschland und sonstwo. Sie sprechen gleich für Millionen, als hätten sie die im einzelnen befragt: Wie ein Faktum wird mitgeteilt, was die staatstragende „Vierte Gewalt“ einfordert, weil es für sie selbstverständliche Bürgerpflicht ist: „Ganz Polen“ befindet sich in einer „Schockstarre“, „trauert“ kollektiv um seine Führung und macht sich Sorgen, weil das Vaterland vor der „beispiellosen Herausforderung“ steht, fast seine ganze nationale Führungsmannschaft komplett erneuern zu müssen.
Als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, dass Leute, denen die Amtsausübung der Hingeschiedenen ganz unterschiedliche und mehrheitlich keineswegs angenehme Lebenslagen eingebracht hat, um diese unsympathischen Figuren aus Polens herrschender Klasse trauern als handle es sich um Freunde oder Familienmitglieder! Als ob es für den existenzbedrohten Kleinbauern in Masowien, der sich mit seiner Familie abrackert, den Arbeitslosen in Schlesien, der nachts im Wald illegal Kohle aus dem Boden kratzt, um zu überleben, die Hunderttausende von Wanderarbeitern, die sich inzwischen in Westeuropa als Dienstpersonal verdingen, den Jugendlichen in Stettin, der sich in Kneipen bei Billigbier und Heavy Metal-Musik die Kante gibt, oder auch den halbwegs „gut gestellten“ Katasterbeamten in Posen keine andere Reaktion gäbe als die, mit eben der Führungsclique zu leiden, die all diese Verhältnisse eingerichtet und als Nebenumstände für den Aufstieg der polnischen Nation abgebucht hat! Und als wäre es sozusagen „logo“, dass sich all die polnischen Menschen jetzt ihren Kopf darüber zerbrechen, ob die Führung ihres Landes noch intakt ist! Alle Freunde der Herrschaftverhältnisse in Polen (und anderswo) sind sich sicher: Das polnische Volk kriegt das hin – seine Menschen bringen es tatsächlich zustande, ihre eigene Lage im schönen Vaterland völlig hintan zu stellen und geistig und sogar gefühlsmäßig so mit ihrer Führung zu verschmelzen, als wären fünf Freunde unterwegs und zwei davon verunglückt. Die professionellen Meinungsbildner tragen alles ihnen Mögliche dazu bei, dass die Leute es packen: Mit großem Tamtam wird die allgemeine Volkstrauer beschworen, herbeiorganisiert und zelebriert. Keine zehn Minuten nach dem Absturz sendet das Fernsehen Bilder von den notorischen Omas, die Blumen niederlegen und Kerzen aufstellen. Sämtliche Berichte werfen – ganz ohne die alten überholten Methoden von Staatspropaganda und Zensur – dieselben Fragen auf: Was hat Polen durch diesen tragischen Unfall verloren? Und wie kann es weitergehen? Und siehe da – tatsächlich läuft es dann auch so: Die Leute spielen mehr oder weniger mit. Sie fühlen sich angesprochen in der ihnen abverlangten Rolle als betroffene Polen, als Teile eines großen Volkskörpers, trauern und sorgen sich um den Fortgang in ihrer Nation. Damit führen sie der Welt ein weiteres Mal vor, wie ein gutes Volk tickt: Als Zugehörige eines Volks verwandeln Menschen ihre Abhängigkeit – dass sie einer Herrschaft unterworfen und von deren Entscheidungen existenziell betroffen sind – in die Vorstellung, dass es Zweck und Aufgabe dieser Herrschaft sei, für sie als Volk zu sorgen. Weshalb man als Volk zuallererst einmal seiner Führung Erfolg wünschen, dafür tagtäglich Opfer in Kauf nehmen und in einem solchen Ausnahmefall zuallerletzt an sich selbst, sondern ans Vaterland und sein weiteres Schicksal denken muss. In diesem Sinn ist Polen mit Sicherheit noch nicht verloren! *** Man kann den Flugzeugabsturz in Smolensk auch wie eine endgültige Widerlegung der alten Bader-Meinhof-Ideen nehmen. Die Erledigung einer kompletten Führungsmannschaft – vom Standpunkt einer Rote-Armee-Fraktion aus vermutlich das Nonplusultra – ändert nicht die Bohne etwas an der fest gefügten Basis zwischen einem Volk und seiner Herrschaft, wenn es die denn gibt. Und eine neue nationale Führung wird schneller in den entsprechenden Sesseln sitzen und ihr Volk nicht nur „geistig“ rumkommandieren, als sich das die alte, jetzt hoffentlich in der Hölle schmorende jemals vorstellen konnte. *** Wieso leidet eigentlich die deutsche Medienwelt mit? Gab´s denn nie Hasstiraden gegen die „polnischen Betonköpfe“, die „uns Deutschen“ und „unserem Europa“ das Leben schwer machen? Erstens steht all das zurück, wenn der elementare Respekt vor einer befreundeten Führungsmannschaft verlangt ist. Zweitens gibt es auch Berechnungen aus nationaler Warte. Die Trauer in Polen muss diplomatisch von hier aus so betreut werden, dass das „zweite Katyn“ die gerade in Gang gekommene „Versöhnung“ zwischen Polen und Russland nicht gefährdet. An der ist Deutschland nämlich durchaus ein Stück weit interessiert, weil ihm die Instrumentalisierung Polens durch die USA nicht in sein europäisches Konzept passt. *** Nachdem die Kaczynskis jetzt symbolträchtig in der polnischen Königsburg Wawel beerdigt wurden, will ein Angehöriger der verbliebenen polnischen Elite den patriotischen Schulterschluss unbedingt produktiv ausnutzen: „Das Gemeinschaftsgefühl, das die Gesellschaft nun nach der Katastrophe erfasst (!) hat, wäre eigentlich eine Voraussetzung für die unvermeidlichen (!) Reformen, die nun anstehen: in der Wirtschaft, im Gesundheitswesen, im Renten- und im Steuersystem. (...) Wie nahezu jede andere Katastrophe könnte also auch die von Smolensk auch positive Folgen haben.“ (Andrzej Byrt, Direktor der Messegesellschaft Posen) Scheinen interessante Reformen zu werden, die angeblich sowieso „unvermeidlich“ sind und lauter „positive Folgen“ versprechen, für die man aber eine gerade günstige Gefühlslage beim Volk ausnutzen will und soll! |


