Interesse und Moral PDF Drucken E-Mail
Gewaltexzesse in Thailand
Neulich in Thailand: Panzer fahren durch Bangkok, es wird scharf geschossen, Blut fließt, eine ganze Menge Tote fallen an.
Die deutsche Presse berichtet. Wie? Gelten die staatlichen Repressionsmaßnahmen gegen die Rothemden als brutal? Wird Anklage erhoben vom Standpunkt der Menschenrechte? Gilt die Regierung, die mit ihrer Armee um ihre Macht kämpft, als illegal oder undemokratisch, weil sie die rebellierenden Massen um den Wahlsieg ihrer Partei betrogen und damit die Proteste ausgelöst hat?
Die Berichterstattung ist in diesem Fall bemerkenswert cool. Nicht, dass dem deutschen Publikum etwas vorenthalten wird. Ein Aufschrei der Empörung über die „menschenverachtenden“ Übergriffe der dort herrschenden Macht bleibt allerdings  aus; aber auch Gewalt auf Seiten der „Rothemden“ wird nicht rundheraus verurteilt. Durchaus anders als bei anderen Fällen.
Beispiel China: Das „Massaker“ auf dem Tienanmen-Platz gegen als prowestlich betrachtete Studenten 1989 wird noch heute, zwanzig Jahre später, immer wieder als abscheulicher Beweis für die Verkehrtheit eines Regimes beschworen.
Beispiel Griechenland: Hier geht die Regierung nach Ansicht unserer Presse völlig zu Recht gegen Krawalle vor, weil die harte Sparpolitik „ohne Alternative“ ist; die militanten Volksfreunde dagegen werden moralisch ins Abseits gestellt.
Unsere Medien berichten über alles, was auf dieser Welt passiert. Alles interessiert „uns“ irgendwie, alles geht „uns“ irgendwie an. Warum? „Wir“ sind eine Nation, deren Unternehmer und Politiker überall in der Welt praktische Interessen haben – andere Nationen und deren Bewohner sind also gefragt. Sie sollen für diese Interessen offen stehen, sie bedienen. Das ist die Anspruchshaltung, die von den Medien gepflegt wird. Und der hiesige Normalmensch, dessen Interessen eher lokale Reichweite haben, wird als ideeller Parteigänger mit eingemeindet in die Interessenlage „seiner“ deutschen Nation.
Wie über die Welt berichtet wird, wie sehr irgendein Ereignis Aufmerksamkeit auf sich zieht und welche Bewertungen in die Berichterstattung eingehen, das hängt dann davon ab, wie sich die Sache aus deutscher Sicht darstellt.
Zurück zum Fall Thailand. Seit Wochen eskaliert dort ein Bürgerkrieg. Ein Teil der thailändischen Bevölkerung demonstriert mit Vehemenz gegen die Regierung. Alle möglichen Methoden werden ausprobiert: Von der Belagerung von Regierungsgebäuden über Hungerstreik bis zu Angriffen auf Sicherheitskräfte. Die Regierung fürchtet um ihre Macht und schlägt mit allen Mitteln zurück. Auf Demonstranten wird geschossen, das Militär geht rigoros gegen die Aufständischen vor.
Offenbar ist es so, dass die hiesigen Beobachter erstmal keinen Grund sehen, warum sie für die einen oder die anderen Partei ergreifen sollen. Der Held der Aufständischen war schon mal Präsident und hat nichts verkehrt gemacht aus deutscher Sicht. Die jetzige Regierung, die ihn weggeputscht hat, gilt auch nicht als besser oder schlechter. Also wartet man ab, was aus dem Aufstand bzw. seiner Niederschlagung wird. Erst als sich der Bürgerkrieg länger hinzieht und eine dauerhafte „Destabilisierung“ der Verhältnisse droht, ist man ein wenig parteilich – für die Wiederherstellung der „Ordnung“ und damit für die Kraft, die am stärkeren Hebel der staatlichen Gewaltmittel sitzt. Damit wieder Ruhe einkehrt und alles wieder so funktional wird in unserem Sinne, wie es zuvor war. Wobei die Profis der öffentlichen Beurteilung allerdings schon kritisch fragen müssen, ob eine solche, mit Panzern (wieder-)hergestellte Ruhe von Dauer sein kann ...
Merke: Wann „wir“ moralische Werte, Menschenrechtsgesichtspunkte, geltend machen und wann nicht – das hängt davon ab. Werden Proteste niedergemacht, die „wir“ mit unseren Interessen parteilich begleiten, handelt es sich mit Sicherheit bei jeder staatlichen Gewaltausübung um schlimmste und nicht hinnehmbare Menschenrechtsverletzungen, den Ausbund diktatorischer Gemeinheiten usw. usf.. Geht es dagegen gegen Leute, die aus „unserer“ Sicht keine bessere Alternative für das jeweilige Land parat haben – natürlich in Hinblick auf unsere deutschen Ansprüche an dieses Land! –, dann gelten die gleichen staatlichen Gewaltakte als vielleicht nicht sonderlich elegante „Konfliktlösung“, die Opfer werden aber nüchtern als nicht vermeidbare Kosten der Wiederherstellung der „Ordnung“ gezählt und einsortiert. Und manchmal können die Medienprofis eben nicht gleich zwischen den „Guten“ und den „Bösen“ unterscheiden…