Amerika hat seinen Hauptfeind erledigt und feiert den PDF Drucken E-Mail

Sieg der Gerechtigkeit
Am 11. September 2001 hatte eine Handvoll islamistischer Terroristen zum größten Teil erfolgreich drei Symbole der amerikanischen Weltmacht attackiert: das World Trade Center, das für die ökonomische Macht der USA stand, das Pentagon als Zentrale der militärisch-politischen Macht und das Weiße Haus als Ort der politischen Führung. Seitdem führt Amerika einen globalen „Krieg gegen den Terrorismus“ mit den Hauptschauplätzen Afghanistan (als Basisland von Al Kaida) und Irak (als Schurkenstaat mit antiamerikanischen Ambitionen) und seine Geheimagenten jagen Osama bin Laden, den saudi-arabischen Führer der Terrorgruppe, Auftrag: lebendig oder tot.

Nun hat die Eliteeinheit unter Amerikas Killerkommandos Osama endlich erledigt, der Präsident und seine engsten Mitarbeiten waren live dabei beim finalen Showdown. Seiner Nation und der ganzen Welt hat Obama hinterher erklärt, wie diese Aktion aufgefasst werden muss: als Sieg der Gerechtigkeit und als Ausdruck der moralischen Überlegenheit der amerikanischen Nation.

Im Namen der Opfer
Der Krieg gegen Amerikas Feinde findet nach Obama deshalb statt, weil „die Opfer“ das verlangt haben. „Heute kann ich dem amerikanischen Volk und der Welt mitteilen, dass die USA eine Operation durchgeführt haben, die Osama Bin Laden getötet hat, den Führer der al-Qaida und einen Terroristen, der für den Mord an Tausenden von unschuldigen Männern, Frauen und Kindern verantwortlich ist.“ 
Die Opfer Bin Ladens sind natürlich nur der Berufungstitel, nicht der Grund für die jahrzehntelange Jagd auf den Drahtzieher – sie selbst sind tot und die etwaigen privaten Rachegedanken ihrer Angehörigen sind deren Sache und keine Maßgabe für die Staatsgewalt. Der amerikanische Präsident lässt bei seinem Verweis auf die Opfer als Auftraggeber sehr absichtsvoll unter den Tisch fallen, dass sein arabischer Kontrahent natürlich nicht einfach „unschuldige Männer, Frauen und Kinder“ in aller Welt um die Ecke bringen wollte, sondern dass der von ihm geplante Anschlag auf die einschlägigen Symbole der Weltmacht USA gezielt hat. Dafür hat Osama den Tod durchaus auch möglichst vieler amerikanischer Bürger gewollt, die er allesamt für schuldig hielt, das in seinen Augen verbrecherische Treiben ihrer Nation auf der ganzen Welt und speziell im Nahen Osten zu ermöglichen (=> Amerikas Feinde in „Immer noch aktuell). Der amerikanische Präsident entpolitisiert nun die Attacke auf die US-Bauwerke samt lebendigem Inventar – so wird daraus ein Massenmord an lauter unschuldigen Menschen. Gründe (im Sinne von nachvollziehbaren Kalkulationen) dafür, etwa in Amerikas Nahostpolitik, kann und darf es nicht geben – das wäre ja so ungefähr dasselbe wie gute Gründe. Insofern war hier schlicht „das Böse“ am Werk – und das ganz vehement:
„Fast 3000 Bürger wurden uns genommen, eine klaffende Lücke blieb in unserem Herzen zurück.“

Rein zahlenmäßig haben die USA ihren Erzfeind im Gefolge von 9-11 natürlich ohne Probleme getoppt. Allein in Afghanistan und im Irak lassen sie alle zwei Monate mehr „Menschen“ bzw. „unschuldige Zivilisten“ über die Klinge springen (insgesamt nach Schätzungen amerikanischer Institute bisher 30.000 in Afghanistan und 190.000 im Irak, ohne das Haus für Haus eroberte Falluja, über das anscheinend gar keine Zahlen vorliegen. Quellen: Wikipedia/Wikileaks). Der himmelweite Unterschied, der jeden solchen Vergleich deshalb von vornherein verbietet, liegt aber darin, dass Amerika mit seiner army grundsätzlich im Auftrag des „Guten“ unterwegs ist, weshalb die Leichen, die seinen Weg pflastern, nicht gegen es sprechen, sondern nur davon zeugen, wie viel Übel und Antiamerikanisches es in dieser Welt eben gibt.

Terrorismus contra legitime Staatsgewalt
Denn das ist nun mal der Kern der ganzen Angelegenheit: der Unterschied der geächteten terroristischen und der anzuerkennenden legitimen staatlichen Gewalt. Allein an der ausgeübten Gewalt sind beide Seiten gar nicht zu unterscheiden, ebenso wenig an den Gründen, die sie für sich geltend machen: Beide fighten für eine in ihren Augen gerechte Weltordnung, beide berufen sich dafür auf die jeweils höchsten Werte, die ihrer Nationen, und beide führen sie auch noch einen Gott oder Allah an, der ihr Handeln heiligt. Der Unterschied ist: Osama will seine gerechte Sache erst erkämpfen, weil es sie noch nicht gibt. Was ihm vorschwebt als Überwindung der gegenwärtigen Lage, ein machtvolles und allseits respektiertes Konglomerat arabischer oder auch nicht-arabischer „Kalifate“ mit einem gefestigten ökonomischen und moralisch-religiösen Innenleben (islamische Sittlichkeit), ist ein purer Wunschtraum, ein politischer Idealismus. Seinen Kampf führt er deshalb nicht aus der Position eines anerkannten Staates mit ökonomischen und entsprechenden politischen Mitteln, sondern mit einer Handvoll Gleichgesinnter, nicht auf der Basis gesicherter Steuereinnahmen, sondern mit Spenden, nicht mit einer regulären Armee, sondern mit Bombenanschlägen, nicht mit UN-Resolutionen, sondern mit Videobotschaften. Deshalb ist die von ihm ausgeübte Gewalt „Terror“, sprich: keine legitime, weder durch ein loyales Volk, noch durch die Staatengemeinschaft anerkannte Gewalt[1]. 

Obama dagegen regiert einen Staat – und zwar nicht irgendeinen, sondern den mächtigsten Staat der Welt. Er sieht (wie sein Vorgänger) durch 9-11 „die Sicherheit“ seines Landes bedroht – das ist die Wahrheit der „Schmerzen“, die die 3.000 Opfer für die Nation bedeutet haben. Schließlich verlangt Amerika vom Rest der Welt, dass seine Interessen freie Bahn haben und diese Weltordnung der Freiheit gilt seit dem Abdanken des kommunistischen Ostblocks überall. Mit den nicht immer schönen Konsequenzen für Menschen wie ganze Nationen sollen sich alle abfinden und sich der überlegenen Gewalt der Weltmacht beugen. Das ist „die Ordnung“, die der Terrorakt in den USA selbst angegriffen hat – wenn auch nur symbolisch, denn an zwei Türmen und zwei Gebäudekomplexen hängt die Macht der USA natürlich nicht. Der US-Staat sieht seine Macht in Frage gestellt, die Unantastbarkeit des Heimatlands verletzt und die Nation gedemütigt. Schnell antwortet er darauf mit Krieg, um sich und seine Position zu verteidigen. Obama jetzt, 10 Jahre danach: „Wir haben schnell herausgefunden, dass die Angriffe vom 11. September von al-Qaida ausgeführt wurden – einer Organisation unter Führung von Osama Bin Laden, die öffentlich den USA den Krieg erklärt und sich verschworen hat, Unschuldige in unserem Land und rund um die Welt zu töten. Und so haben wir einen Krieg gegen al-Qaida begonnen, um unsere Bürger, unsere Freunde und Verbündeten zu schützen.“ Weil Amerika die größte Macht auf dem Globus ist, hat es dabei das Recht ganz selbstverständlich auf seiner Seite: Die Staatenwelt und die UN bescheinigen den USA, dass ihr Krieg gegen den Terrorismus legitim ist, sprich: die von den US-Boys begangenen Gewalttaten in Ordnung gehen.

Der Tod des obersten Feindes
ist dabei unbedingtes Kriegsziel. Dass sich die USA mit dem „Mythos“ Osama bin Laden und seiner Al Kaida vielleicht nur selbst ein Bild zurecht gelegt haben, unter das sie alle Widerstände in der arabischen Welt zusammenfassen, die sie ärgern, spielt keine Rolle. Dass sie selbst wissen und jetzt ständig zu Protokoll geben, dass der Terror natürlich nicht besiegt ist, nachdem dieser als Ursprung allen Übels ausgemalte „Terrorfürst“ ausgeschaltet wurde, ist unerheblich. Als Weltmacht waren sie es sich auf alle Fälle schuldig, ihr eigenes Feindbild endlich sauber abzuarbeiten und den personifizierten Erzfeind zu erledigen. Dass dies so lange gedauert hat, obwohl die Supermacht alles dafür getan hat, war schon länger wie eine Schmach empfunden worden. Jetzt hat´s der US-Staat allen gezeigt: Kein Feind der USA kann sich vor deren Exekutionsorganen in Sicherheit bringen, nirgendwo auf der Welt. Und diesen Erfolg will sich der aktuelle amerikanische Präsident, der blöderweise unter einem gewissen Weichei-Image leidet, auch persönlich ans Revers heften:
„Und so habe ich kurz nach meinem Amtsantritt Leon Panetta, den Direktor der CIA, angewiesen, die Tötung oder Gefangennahme Bin Ladens zur Top-Priorität in unserem Krieg gegen al-Qaida zu machen, während wir unsere breiteren Bemühungen fortsetzen, sein Netzwerk zu stören, auseinanderzunehmen und es zu besiegen.“

Natürlich war der Tod Osamas Ergebnis davon, dass sich die CIA mit ihren Agenten jahrelang an seine Spur geheftet und am Ende die bestausgebildeten und -gestatteten amerikanischen Elitesoldaten zugeschlagen haben. Der Befehl des obersten Kommandeurs nach dem bekannten Krimi-Motto „Fangt den Täter, schnell!“ trägt zum Gelingen einer solchen Aktion bekanntermaßen wenig bei. Deshalb versucht Obama, die Bedeutung seines Anteils an der Angelegenheit zu unterstreichen – eine schneidige Killeraktion bringt eben ein paar Wählerprozente in unser aller Vorbildstaat. „Der Tod von Bin Laden stellt die bedeutendste Errungenschaft bis jetzt bei den Bemühungen unserer Nation dar, al-Qaida zu besiegen.“
Während er diesen tollen Triumph in alle Welt ausstrahlen lässt, will Amerikas Präsident zugleich die Muslime beruhigen. Sie haben keinen Grund, sich aufzuregen, denn die USA sind modern und reflektiert genug, ihr Mordkommando zu unterscheiden von einem Krieg gegen „den Islam“: „Während wir dies tun, müssen wir außerdem bekräftigen, dass die USA keinen Krieg gegen den Islam führen und niemals führen werden.“ Zwar hat Obama, wie er mehrmals hervorhebt, höchstpersönlich den Tod Osamas befohlen, der im Namen des Islam gegen Amerika gekämpft hat. Und natürlich führen die Amis auch ansonsten einen Krieg gegen den Islam – gegen den politisierten Islam nämlich, der nicht bereit ist, sich umstandslos in die amerikanische Weltordnung einzuordnen und dem amerikanischen Gebot über die richtige Reihenfolge von Staat und Religion zu genügen (dafür stehen die Taliban, die iranische Republik u. a. ja durchaus unter Generalverdacht!). Während bei Amerika die Nation, ihre Macht und ihre Moral also allesamt in eins fallen, muss beim Islam aufgepasst und sortiert werden: hier der gute, gefügige, dort der böse Islam. Bei Osama aber war sowieso Hopfen und Malz verloren – in seinem „Nachruf“ spricht Obama dem Al-Kaida-Führer kurzweg ab, überhaupt ein „muslimischer Führer“ gewesen zu sein. „Bin Laden war kein muslimischer Führer, er war ein Massenmörder von Muslimen. Tatsächlich hat Bin Laden eine große Zahl von Muslimen in vielen Ländern abgeschlachtet, darunter in unserem eigenen Land. So sollte sein Tod von allen begrüßt werden, die an Frieden und Menschenwürde glauben.“
Als glaube man doch nicht so ganz an die eigene Theorie, hat man den schändlichen Massenmörder dann allerdings vorsichtshalber im Meer versenkt...

Die Souveränität Pakistans und das Völkerrecht
standen der amerikanischen Aktion ein wenig im Weg. Denn (nicht nur) bei der Suche nach dem Terrorchef war klar geworden, dass der Staat, den man sich zum Hauptverbündeten erkoren und finanziell entsprechend ausgestattet hat, ein ziemlicher Hort des bekämpften politischen Islam ist. Kein Wunder übrigens – genau diesen religiösen Fundamentalismus hatte die USA ja während der sowjetischen Besatzung Afghanistans bestens benutzen können und damals massiv gefördert. Amerikas Schlussfolgerung daraus heißt (bereits seit Monaten): Wir denken nicht daran, uns durch etwaige Rücksichtnahmen auf die Souveränität Pakistans oder sonstige völkerrechtliche Kleinlichkeiten ausbremsen zu lassen. Drohnenangriffe, Aktionen amerikanischer Soldaten oder auch seltsamer Zivilisten ergeben immer wieder kleine Nachrichten in den Tageszeitungen über „20 bis 25 versehentlich getötete Zivilisten“ in Waziristan, „von hinten erschossene Räuber“ in Islamabad u. ä. Für ein Kommando vom Kaliber „Osama zur Strecke bringen“ gilt das natürlich schon lange – da können sich die deutschen Völkerrechtler noch so aufregen und ihren deutschnationalistischen Antiamerikanismus in ausgefuchste Studien übersetzen. „Im Laufe der Jahre habe ich wiederholt klargemacht, dass wir innerhalb von Pakistan handeln werden, wenn wir wissen, dass sich Bin Laden dort aufhält. Das ist es, was wir getan haben. Aber es ist wichtig festzuhalten, dass unsere Terrorabwehr-Zusammenarbeit mit Pakistan geholfen hat, uns zu Bin Laden und dem Anwesen zu führen, auf dem er sich versteckt hat. Tatsächlich hatte Bin Laden auch Pakistan den Krieg erklärt und Attacken gegen das pakistanische Volk angeordnet. Heute Nacht habe ich Präsident Zardari angerufen, und mein Team hat auch mit seinen pakistanischen Kollegen gesprochen. Sie stimmen zu, dass dies ein guter und historischer Tag für unsere beiden Nationen ist. Und in die Zukunft blickend ist es wichtig, dass Pakistan weiter mit uns gegen al-Qaida und dessen Verbündete kämpft.“

Dass die USA auf dem Boden Pakistans mit Helis herumfliegen, ihre Feinde erschießen und deren Häuser in Brand stecken, ist ihr gutes Recht – ihr Präsident hat es schließlich schon immer gesagt. Und Pakistan hat zugestimmt, dass all das „ein guter und historischer Tag für unsere beiden Nationen ist“. Na dann! Andererseits schützt dies die Pakistanis nicht gegen ein „Schurkenstaat-Verdikt“, nachdem klar ist, dass Osama sich nur mit geheimdienstlicher Unterstützung so lange an einem solchen Ort hat aufhalten können... 

Amerika schafft, was es anstrebt
All die kleinlichen Probleme, die Obama in seiner Triumph-Rede noch streift – unter anderem auch noch die leidigen Kriegskosten –, stehen zurück, wenn er zum schwungvollen Finale ansetzt. Alle Verluste, alle Opfer, alle Anstrengungen, alles, was noch auf die Nation zukommt, sind nämlich ein einziges Argument dafür, zu dem „Gemeinschaftssinn des 11. September“ zurückzufinden. In ihm liegt die Lösung für alle Probleme, die Amerika zu schaffen machen. Auch wenn das der Sache nach nicht stimmt, formuliert der amerikanische Präsident damit einen denkbar harten Anspruch an sein Volk: Er fordert dessen bedingungslose Aufopferungsbereitschaft für die Nation. Umgekehrt wertet er die gelungene Hinrichtung des Erzfeindes als „Zeugnis für die Großartigkeit unseres Landes und der Entschlossenheit des amerikanischen Volks. Die Absicherung unseres Landes ist noch nicht komplett. Aber heute Nacht haben wir einmal mehr daran erinnert, dass Amerika schaffen kann, was es anstrebt.“ Bei Hitler, Stalin und Mao würde jeder unschwer den bösartigen und gefährlichen Größenwahn heraushören – aber zum Glück sind wir ja im Vaterland der Freiheit.
„Danke. Gott segne euch. Und Gott segne die Vereinigten Staaten von Amerika.“

P. S. Merkel gratuliert für Deutschland. Und hat tags darauf Verständnis dafür, dass man als Deutscher amerikanische Rachegelüste auch moralisch bedenklich finden kann.



[1] Übrigens ist die Weltgeschichte voll von Beispielen, dass „Terror“ Staatsgründungen vorausgeht. Man denke nur an die zionistischen Terroristen, die den Staat Israel erkämpft haben, die UCK, die den Serben das Kosovo abgetrotzt hat, die Maoisten in China und nicht zuletzt die USA selbst, deren Lostrennung von ihrem Mutterland England auch nicht beim Tee ausgehandelt wurde.