
| Ausstieg hin oder her |
|
|
|
Strahlender Müll für die Ewigkeit Kernkraftwerke produzieren neben Strom eine besondere Sorte Müll: Die abgebrannten Brennstäbe enthalten so viel radioaktives Material, dass bei deren Entsorgung „Personal, Bevölkerung und Umwelt vor den schädlichen Wirkungen geschützt werden müssen – und dies nicht nur kurzfristig, sondern langfristig für den Zeitraum von über eine Million Jahre“ (Bundesamt für Strahlenschutz). Angesichts einer derartig dimensionierten Gefahrenlage für Land und Leute, die ihm nützlich bleiben sollen, ist unser Staat – nicht etwa abgeschreckt, sondern: - wild entschlossen, hier „Verantwortung“ zu übernehmen. Im Atomgesetz ist verankert, dass die Bundesregierung höchstselbst für den Umgang mit dieser Sorte Abfall der etwas anderen Art (enorm haltbare Strahlkraft!) zuständig ist.
Von Beginn der Nutzung der Atomenergie in deutschen Kernkraftwerken bis zum derzeit noch geplanten Ende 2022 werden insgesamt 17.219 t abgebrannte und teilabgebrannte Brennelemente anfallen. 6.230 t dieser Brennelemente wurden in die Wiederaufbereitungsanlagen nach Frankreich und Großbritannien transportiert (Wiederaufbereitung ist aufgrund der mit dem Transport verbundenen Gefahren seit dem 30.06.2005 nicht mehr zulässig). Zur direkten Endlagerung in Deutschland sind 10.557 t vorgesehen. Es gibt nur ein kleines Problem dabei: Deutschland besitzt kein Endlager für diese Sorte Müll! Es ist sogar so, dass es weltweit kein einziges Endlager für das Zeug gibt! Auf der ganzen Welt wird also seit fast 50 Jahren in hohem Maße auf eine Technologie gesetzt, die ohnehin schon unsagbar hohe Risiken für Land und Leute mit sich bringt, bei der es auf ein Funktionieren aller Parameter zu jeder Zeit ankommt, weil jedes Versagen katastrophale Ausmaße annehmen kann. Und all dies geschieht im vollen Bewusstsein dessen, dass es für die letztliche Entsorgung des dabei anfallenden todbringenden Müll auf der ganzen Erde keine sichere Möglichkeit gibt. Natürlich wurde und wird intensiv geforscht, auch in Deutschland. Worauf man hinaus will, steht für die Verantwortlichen mangels Alternativen freilich von vorneherein fest: „Die Endlagerung stark Wärme entwickelnder radioaktiver Abfälle soll in tiefen geologischen Formationen Deutschlands erfolgen.“ (Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, 2003). Die radioaktiven Substanzen sollten dabei im Idealfall tief unter der Erde so versteckt werden, dass auch über einen Zeitraum von abertausend Jahren kein Kontakt zur Biosphäre möglich ist: D. h. Grundwasser darf unter keinen Umständen kontaminiert werden und evtl. entstehende gasförmige Zerfallsprodukte dürfen die Erdoberfläche nicht erreichen. Sehr schnell kommt man in Deutschland dahin überein, dass alte Bergwerksanlagen in Salzstöcken besonders geeignet sein könnten. Steinsalz weist als „Wirtsgestein“ (ein schöner Name angesichts des geplanten „Gastes“!) viele der Eigenschaften auf, die nötig sind, um wärmeentwickelnden radioaktiven Substanzen auf lange Zeit standhalten zu können. Alternative Wirtsgesteine könnten noch Kristallingestein (Granit) oder Ton sein. Im Eigenschaftenvergleich schneiden diese Materialien jedoch immer schlechter ab. Nach jahrzehntelangem Herumexperimentieren in ausgewählten Salzstöcken kommt das BMWi im Jahr 2004 zu dem Befund, dass „der erforderliche Kenntnisstand für die Errichtung eines Endlagers in Steinsalz durch die in den vergangenen 40 Jahren in Deutschland geleistete Forschungstätigkeit weitgehend erarbeitet ist.“ Wir sind mit Hilfe der Wissenschaft zu profunden Erkenntnissen gelangt und können demnächst das Endlagerproblem einer positiven Lösung zuführen, so lautet die offizielle Doktrin der politisch Verantwortlichen in Deutschland. Gucken wir mal nach, wie und mit welchen Ergebnissen an den zwei Hauptschauplätzen für deutsche Endlagerszenarien geforscht wurde (und weiter wird): in Gorleben und Asse II, beides ausgediente Salzbergwerke in Niedersachsen. a) Gorleben „1977 wurde der Salzstock Gorleben als potenzieller Standort für ein Endlager vorgesehen – ohne eine einzige unterirdische Untersuchung. Ausschlaggebend für diese Wahl war unter anderem die damalige Grenznähe und die geringe Bevölkerungsdichte. Bereits bei den ersten Bohrungen 1981 stellten Wissenschaftler fest, dass sich über dem Gorlebener Salzstock keine durchgehende Tonschicht befindet, die als Barriere zwischen Salzstock und Grundwasser fungieren kann.“ (Greenpeace) Interessant: Schon vor aller Forschung wissen die Verantwortlichen bei der Auswahl ganz genau, wie gefährlich eine „sichere“ Einlagerung ist: Dünn besiedelt sollte so ein Standort schon sein und möglichst an der Grenze zu anderen Ländern und Völkern (damals: Zone der falsch regierten Brüder und Schwestern). Trotz der negativen Eigenschaften dieses Salzstocks wird dort herumgeforscht, auch wenn Versuche, dort einzulagern, bis zuletzt am erbitterten Widerstand der Bevölkerung scheitern. Jedoch ist es gelungen, dort ein Zwischenlager für hochradioaktiven Müll zu errichten. Eins von zweien in der Republik, das andere steht in Ahaus. Zur Zeit kursieren Gerüchte, dass die damalige Kohl-Regierung versucht hat, die wissenschaftliche Erkundung des Salzstocks so zu beeinflussen, dass mit entsprechenden Gutachten grünes Licht für eine Nutzung gegeben werden könnte : Für positive Befunde spricht das nicht unbedingt. Seit knapp 10 Jahren gibt es ein bis 2010 geltendes Moratorium, das die Forschung in Gorleben aussetzt. Jetzt regiert schwarz-gelb und man wird sehen, ob und wie Gorleben wieder ins Spiel kommt… b) Asse II Der andere Hauptschauplatz, Asse II, macht in den letzten Jahren ebenfalls unliebsam auf sich aufmerksam. Immer mehr sickert durch, dass das Bergwerk nicht dicht ist. Wohlgemerkt ein Salzbergwerk, das als Beweisstück für die grandiose Tauglichkeit von Steinsalz für die Endlagerung herhalten soll: 1965 erwarb das Helmholtz-Zentrum München (HMGU) das Bergwerk im Auftrag des Bundes und gegen örtlichen Widerstand. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Asse II schon massive Probleme mit Wassereinbrüchen. Trotzdem wurde das Bergwerk 1967 des Bundes in Betrieb genommen, mit der Begründung „zu Forschungszwecken“. In den Jahren 1967 bis 1978 wurden 126.000 Fässer an schwach- und mittelradioaktiven Abfällen eingelagert. Angesichts der Menge an eingelagerter Radioaktivität ist schon klar, dass diese möglichst nie wieder das Tageslicht erreichen soll. Offensichtlich lautete der Auftrag nicht, herauszubekommen, ob die sichere Einlagerung in einem Salzbergwerk möglich ist, sondern – nach dem Motto `Es muss doch, verdammt noch mal, eine Lösung unseres Problems geben!´ - die geschaffenen Tatsachen zu beobachten und gegebenenfalls Gegenmaßnahmen bei auftretenden Problemen auszutesten. Bereits 1979 gibt es ein Gutachten, das schlüssig darlegt, dass die Atommülldeponie vom Ersaufen bedroht ist. In diesem Gutachten wird vorausgesagt, an welchen Stellen Salzlauge einbrechen wird. Seit 1988 treten 12.000 Liter Salzlösung pro Tag in das Bergwerk ein. Dieser Zufluss ist nicht zu stoppen. Dummerweise löst sich Steinsalz bei Wassereintritt, so dass das ganze Grubengebäude instabil wird und einzustürzen droht. Von einem hermetischen Abschluss zur Biosphäre kann also nicht mehr die Rede sein. Seit 1995 wird nun versucht, das Bergwerk mit Rückstandssalz aufzufüllen, jede Forschungstätigkeit ist eingestellt. Seit 2002 existiert ein Konzept zur Flutung der Sohlen unter 775 m mit Magnesium-Chlorid-Lösung. Im Falle dieser Flutung werden die Atommüllfässer innerhalb von 10 bis 100 Jahren vollständig zersetzt. Die Gefahr besteht dann, dass die radioaktiv kontaminierte Flüssigkeit durch den Gebirgsdruck in die grundwasserführenden Schichten gelangt. Seit Anfang 2009 hat der Betreiber des Bergwerks gewechselt. Der Bund für Strahlenschutz ist nun zuständig, die Grube unterliegt erst jetzt nicht mehr nur dem Bergrecht, sondern dem Atomrecht und damit strengeren Auflagen. Was mit dem Müll in der absaufenden Grube passieren soll, ist deshalb noch längst nicht geklärt! Fluten ist ein nicht mehr rückgäng zu machender und in keiner Weise zu kontrollierender Weg. Rausholen ist gefährlich, teuer und wirft wieder die Eingangsfrage auf: Wohin mit dem Müll? Übrigens ist das Forschungsvorhaben Asse zu keiner Zeit (wie bisweilen berichtet wird) „sich selbst überlassen“ worden und deswegen schief gelaufen. Der Bund war ständig bemüht, es zum Erfolg zu bringen. Die Tauglichkeit von Salzstöcken sollte unbedingt bewiesen werden. Allein die Natur hat hier einen Strich durch die Rechnung gemacht. Unverschämterweise verweigert sie den Dienst, jede Scheiße in ihr sicher verbuddeln zu können. Wenn das Bundesministerium für Wirtschaft und Technik in Kenntnis all dieser Fakten zu dem Beschluss kommt, die Grundlagen für die Errichtung eines Endlagers im Salzbergwerk seien so gut wie „erarbeitet“, dann offenbart das eine interessante Auffassung der Dinge. Was immer in den Zwischen- und Endgutachten der experimentierfreudigen Forscher stehen mag: Mit ein wenig Kreativität bei der Interpretation (und eventuell ein bisschen Nachhilfe schon beim Abfassen) kriegt die Politik es hin, ihren feststehenden Willen zur Lösung des Atommüllproblems als wissenschaftlich abgesegnet durchzuwinken: `Ein bisschen Realismus tut uns allen gut, das ideale sichere Lager gibt es vielleicht nicht, aber trotz allem sicherlich eine Lösung, die als befriedigend gelten kann – bald, demnächst oder irgendwann!´ Die Rücksichtslosigkeit des demokratischen Staats gegenüber Land und Leuten ist nicht zu übersehen: Nicht nur werden jede Menge Menschen beim Transport und der Verstauung und Betreuung des eingelagerten Atommülls Emissionsrisiken ausgesetzt; auch die Verseuchung des Grundwassers wird über kurz oder lang Realität sein, also sehenden Auges in Kauf genommen. Und künftigen Generationen wird das Fertigwerden mit dem strahlenden Erbe zugemutet, ob sie mit Atomkraftnutzung noch was am Hut haben oder nicht. Frei nach dem Motto: Nach uns die Sintflut! Diese Rücksichtslosigkeit ist kein Versehen, sondern Programm. Alleine schon die irrsinnige Entsorgungsproblematik – wer kann für die Sicherung von radioaktivem Schrott über Tausende von Jahren ernsthaft geradestehen!? – ist normalerweise ein k.o.-Kriterium für eine Energieversorgung mit Atomstrom. Aber was ist im staatlich behüteten Kapitalismus schon normal? Wenn schon ansonsten in der Marktwirtschaft Mensch und Natur dem Diktat des Geldverdienens untergeordnet werden, koste es sie, was es wolle, dann ist das natürlich auch und sogar erst recht bei der Energieversorgung der Fall. Ein Staat wie Deutschland (oder Frankreich oder China), dem es um möglichst viel Wachstum seiner Wirtschaft in Konkurrenz zu anderen Nationen geht, muss in der Konsequenz eine reibungslose und möglichst billige Bereitstellung jeder Menge Energie zu seiner Sache machen. Mit der jeweiligen Energiequelle verbundene Risiken für Mensch und Natur – vom CO2-Ausstoß bei Kohlekraftwerken mit der Wirkung Klimawandel bis hin zum Restrisiko GAU bei AKWs oder der Entsorgungs-problematik bzgl. Atommüll – werden von vornherein als Nebenaspekt gewürdigt, den man auch in den Griff bekommen will, wenn es eben geht. Ein prinzipieller Einwand gegen die Nutzung der jeweiligen Energiequelle sind solche ärgerlichen „Neben“wirkungen aber nie und nimmer. Das wurde einer ganzen Anti-Atomkraft-Bewegung mit Polizeiknüppeln beigebracht. Nebenbemerkung: Der radikale Wille zur Nutzung der Atomenergie speist sich zusätzlich aus dem Interesse potenter Nationen an der militärischen Komponente dieser Technologie (Rohstoffe für die Bombe aller Bomben), aber davon ist in Deutschland weniger die Rede, so sehr man in Hinsicht auf den Iran natürlich Bescheid weiss. P.S. Schöner Nebeneffekt der in Asse II geschaffenen Fakten: Mit der vorläufigen Endlagerung im angeblichen Experimentierbergwerk schafft man natürlich Platz angesichts der knappen Kapazitäten der vielen Zwischenlager, in denen die strahlende Last zur Zeit abgekühlt wird. Denn eins ist jetzt schon sicher: Den Platz wird man brauchen! Längst sind Laufzeitverlängerungen der bestehenden KKWs im Gespräch und mit ihrer Durchsetzung wächst der bestehende Müllberg. Längst existiert das von der CDU in Auftrag gegebene Gutachten, das von der Bundesforschungsministerin vor der Wahl so sorgsam gehütet wurde. In diesem werden die Vorzüge der IV. Generation der Kernkraftwerke gepriesen und auch von Wiederaufarbeitung ist hier die Rede. Die Tage des deutschen „Ausstiegs aus der Kernenergie“ sind gezählt (zu verlockend sind ihre friedlichen und militärischen Anwendungsmöglichkeiten für eine Nation, die in allen Belangen konkurrenzfähig bleiben möchte). Nicht gezählt sind allerdings die Tage beschönigender Ideologie. Merkel spricht unverdrossen von Atomenergie als „Brückentechnologie“, so als ob der Wiedereinstieg doch nur ein etwas verlängerter und umso geschmeidigerer Ausstieg hin zu schöneren Energienutzungsformen sein sollte! Enthüllungsjournalismus zum Thema Atompolitik
In einem am 13.10.09 vom Sender Arte ausgestrahlten Film „Albtraum Atommüll“ wurden am Beispiel USA, Frankreich und Russland diverse Exzesse der Atomnutzung – durchaus in dem Tonfall, dass sie zum Normalbetrieb dazugehören! - aufgedeckt: Zum Beispiel die Desinformationspolitik in Russland sowohl in SU- als auch in heutigen Zeiten (keinerlei Evakuierungen nach Tscheljabinsk-Unfall 1957 bis heute: Explosion einer Mülldeponie nach Ausfall der Kühlsysteme mit Langfristverseuchung der ganzen Region); zum Beispiel die ganz legale radioaktive Verseuchung von Flüssen und Meeren durch Ableitung von Millionen Litern strahlender Flüssigkeiten in den USA und bei La Hague; zum Beispiel die Verschickung hochradioaktiven Uranmülls aus La Hague über ca. 8.000 km nach Tomsk (Sibirien), wo ein Teil der Ladung wiederaufbereitet und nach Frankreich zurückgeliefert, der größte Teil aber in Containern in Bahnhofsnähe auf einem offenen Gelände schlicht abgestellt wird. Eine TV-Zeitschrift kündigt die Sendung so an: „Sauber, gefahrlos, kontrollierbar sei die Atomkraft, die Entsorgung des Mülls kein Problem. Solche Verharmlosungen nimmt der Atomlobby kaum noch jemand ab. (…) Filmemacher Guéret macht erschreckende Entdeckungen: Von Recycling des Atommülls kann keine Rede sein.“ Der Tenor solcher Enthüllungen (für die Journalisten auch heute noch unangenehme bis gefährliche Wege gehen müssen!) ist immer derselbe: Probleme werden vertuscht, Lösungen nur suggeriert, die Atomlobby handelt unverantwortlich und belügt uns alle. Solche Anklage ist zwar durchaus hart an der Wahrheit, lebt aber regelmäßig von folgender unsachgemäßer Unterstellung: Insbesondere von der Politik, wenn schon nicht von den Konzernen, müsste man das Gegenteil erwarten können – schonungslose Offenheit und verantwortliches Handeln. Die sich anschließende Deutung der Angelegenheit, es liege eine krasse Pflichtverletzung vor, ist dann endgültig daneben. Ex negativo wird der Glaube an eigentlich grundgute Ziele demokratischer Politik befestigt, gerade dann, wenn alle Fakten für etwas anderes sprechen. Nichts enthüllt wird also über die tatsächlichen Ziele und Kalkulationen einer Politik, die wegen des Nutzens, den sie aus der Atomkraft zieht, über Leichen geht. Zum Abschluss der Sendung gab ein Verantwortlicher für die französische Endlagerplanung noch preis, welche Überlegungen sich sein Stab für die fernere Zukunft gemacht hat: Man habe überlegt, wie man solche Lager mit ihrem gefährlichen Erbe für künftige Menschen (falls der französische Staat nicht mehr zu Gange sein sollte) kenntlich machen sollte. Ein Vorschlag laute, große architektonische Kunstwerke am Lagerort aufzustellen, um den Ernst der Lage (im Wortsinn) überdeutlich zu markieren; ein anderer Vorschlag laute, die Lager so zu verstecken (Wald o. ä.), dass kein Mensch dort irgendwas vermuten kann – Menschen seien neugierige Wesen und würden beim Buddeln ohne Not auf strahlenden Schrott stoßen. Ein Ende dieser Beratung sei noch nicht in Sicht. |

