Haiti: Drama in (vorerst) drei Akten PDF Drucken E-Mail

Wozu Katastrophen alles gut sind

Ein schweres Erdbeben tötet mehrere zehntausend Menschen sofort und zerstört das Bisschen an „Infrastruktur“ und „Ordnung“ eines Landes, das notorisch und seit vielen Jahren zu den „ärmsten Ländern der Welt“ gehört. Haiti ist nämlich ein Musterland des klassischen karibischen Hinterhofs: Nicht mehr viel zu holen dort seit dem Ende von Plantagenwirtschaft und Sklaverei, deshalb bitterarm und ein wenig instabil, aber im Prinzip alles unter Kontrolle. Jedenfalls keine Gefahr von Linksabweichlertum wie in Kuba oder Venezuela. Und mit den paar Elends-Flüchtlingen wird die US-Küstenwache lässig fertig.

Kurz, ziemlich uninteressant dieses Land. So uninteressant, dass dem deutschen Publikum im Fernsehen erst erläutert werden muss, dass sich Haiti mit dem bekannten Feriendomizil DomRep eine Insel teilt.

Und, was das Erdbeben betrifft, anfangs eher ein Fall für höfliches, aber ziemlich distanziertes Interesse, wie es die dieser Tage vielbeschworene Weltöffentlichkeit vor wenigen Jahren (und aus anderen Gründen) bei einem ähnlich schweren Beben im Schurkenstaat Iran schon einmal praktiziert hat.

I.

Dies ungefähr muss Außenminister Westerwelle im Hinterkopf gehabt haben, als er kurz nach dem Erdbeben seine Betroffenheit zu Protokoll gab und die deutsche Hilfe bezifferte: eine Million Euro. Sagenhaft. Der Bundespräsident legte wenig später noch 500.000 nach. Das sollte doch wohl reichen, um die tiefe deutsche Anteilnahme an uninteressanten Toten in einem uninteressanten Land weltöffentlich zu dokumentieren. Aber da hatten sie sich wohl eher verrechnet.

II.

Denn nun erklärt US-Präsident Obama Haiti zur Chefsache und setzt als Erstes ein paar Flugzeugträger in Marsch, weil die bekanntlich nach einem Erdbeben am dringendsten benötigt werden. Obama will sich, so hört man, nicht nachsagen lassen, als Katastrophen-Manager zu versagen wie seinerzeit Bush in New Orleans. Tatkraft und Entschlossenheit sind Führungstugenden erster Ordnung und die beweisen Politiker nun einmal am wirksamsten bei Naturkatastrophen, wenn gerade kein Krieg zu gewinnen ist. (Das muss Westerwelle außer Englisch vielleicht wirklich noch lernen.)

Beflügelt hatte Obama bei seiner Entscheidung allerdings ein Umstand, der über Fragen der Selbstinszenierung eines Präsidenten weit hinausgeht. In der Zwischenzeit hatten nämlich nicht nur die mittelamerikanischen Schurkenstaaten Venezuela und Kuba Soforthilfe für Haiti angekündigt und gleich Ärzteteams in Marsch gesetzt, sondern auch die alte Kolonialmacht Frankreich meldete sich massiv zu Wort. Die Möglichkeit, dass diese Länder mehr politischen Profit aus der Katastrophe schlagen könnten – so denken Typen wie Obama –, ist natürlich für die Weltmacht Nummer 1 schlicht nicht akzeptabel.

Deshalb wurde die Lage in Haiti schnell zum Ordnungsproblem umdefiniert, das nur die USA in den Griff bekommen können. Plünderer! Die gibt es in US-amerikanischen Städten zuhauf bei jedem Stromausfall, da kommt dann die Nationalgarde zum Einsatz. In Haiti sind es bis jetzt 2000 Marineinfanteristen, die den Job machen. Denn nach einem solchen Beben ist der Schutz des Eigentums am wichtigsten. Logistik! Nur die USA haben das entsprechende Gerät vor Ort und besetzen mit ihrem Militär deshalb kurzerhand den Flughafen - selbstverständlich, um die ankommenden Hilfesflüge zu koordinieren. Ordnung! Der meist-fotografierte zerstörte Präsidentenpalast zeigt eindeutig, dass jetzt eine wieder funktionierende Herrschaft das erste Menschenrecht und Bedürfnis ist - und die kann momentan nur von den Amis gestiftet werden.

Solche Bilder ersetzen jeden Beweis. Obama betont dazu, das Engagement der USA sei von Dauer, was ihm seine Bewunderer hoch anrechnen und Kritiker mal erst verstummen lässt, die immer angeprangert haben, die USA kümmerten sich nicht ausreichend um ihre Hinterhöfe. Aber nicht alle finden dieses neue „Sich-Kümmern“ gut.

III.

Dass die USA in Mittel- und Südamerika in den letzten Jahren nicht unbedingt beliebt waren, hatte neben den linken Aufbruchsprojekten Amerikas Konkurrenten Europa und China einige Einfallstore geboten, die sie nach Kräften ausgenutzt haben – und die sie jetzt, mit dieser Demonstration der USA, in Frage gestellt sehen. Als erstes EU-Land entdeckt natürlich Frankreich, Haitis ehemalige Kolonialmacht, die aus französischer und europäischer Sicht unschönen Seiten des US-Engagements auf der Insel und reklamiert Rechte. Da droht doch glatt ein Verlust an Einfluss, nur weil die USA einen geographischen Vorteil haben. Weil aber ein offener Streit angesichts der vielen unbegrabenen Leichen zunächst ein wenig delikat scheint, schickt man die landeseigene Hilfsorganisation ‚Médecins Sans Frontières’ vor, die sich laut darüber beschwert, dass ihre Hilfsflüge von den Amerikanern behindert würden. Ins gleiche Horn stoßen deutsches THW und das Rote Kreuz.

Denn mittlerweile ist die amerikanisch-europäische Konkurrenz um die Haiti-Hilfe als Instrument  einer vom Tsunami vor fünf Jahren bereits bekannten Konkurrenz der imperialistischen Staaten auf dem etwas eigenartigen Feld des Hilfeleistens voll entbrannt. Und die Hilfsorganisationen spielen dazu nur noch die Begleitmusik. Waren noch wenige Tage zuvor nur ein paar Almosen vorgesehen und Schäbigkeit der Leitgedanke (siehe Westerwelle in Akt I), greift die EU nun in die großen Tasten und stellt gleich ein paar Milliarden in Aussicht – und das alles nur, um die USA im Wettstreit um den größten politischen Profit aus einem Erdbeben zu schlagen.

Lesetipps:

• Imperialismus als humanitäre Aktion – Ein erneutes “demokratisches Experiment” für Haiti: Im Elend stillhalten als Staatsräson (GegenStandpunkt 2/2004)

• Haiti – Eine ungeliebte Ordnungsaktion im Hinterhof für die Glaubwürdigkeit der USA (GegenStandpunkt 3/1994)