Kulturhauptstadt Ruhr 2010: PDF Drucken E-Mail
Ein Gesamtkunstwerk eigener Art
Nach der Schicht essen die Kumpel „anner Bude“ eine Currywurst, sind stolz auf ihr Tagwerk, ihre Heimat und auf ihr eigenes anspruchslos-kerniges Naturell. Dazu stoßen sie mit einem heimischen Pils an. Dieses prolet-romantische Sittenbild im Widerschein von Hochöfen und Kokereiabstichen hat Herbert Grönemeyer schon vor 28 Jahren besungen. Im Jahr 2010, die meisten Hochöfen sind längst aus und die Zechen stillgelegt, ist das Ruhrgebiet gemeinsam mit Istanbul und Pécs (Ungarn) zu einer der europäischen Kulturhauptstädte ernannt worden. Ansehnlicher geworden ist es seit dem Lied von damals jedenfalls nicht, eher noch mehr herunter gekommen. Der zur offiziellen Ruhr-Hymne gekürte aktuelle Nachfolgesong vom gleichen Sänger drückt den gleichen Gedanken aus wie der alte, ist nur noch schlechter.
Es liegt also nahe, den Grund für die erstaunliche Begeisterung und Entschlossenheit, eine buchstäblich „Pott“-hässliche urbane Industrieruine irgendwie attraktiv oder zumindest kulturell interessant zu finden, woanders zu suchen. Und der wird von der europäischen Idee der Kulturhauptstadt geliefert: Kultur ist Vielfalt, Europa ist Vielfalt, Europa ist Kultur. Also ist das „Europa der Regionen und Kulturen“ jedes Jahr ein paar Stätten und Feiern wert und man muss es einfach gut finden. Aber ja doch, auch und erst recht so etwas wie das Ruhrgebiet, den deutschen „melting pot“ von westfälischen Bauern, polnischen Bergleuten, anatolischen Tagelöhnern und bulgarischen Nutten. Die große Industrie hat das alles an der Ruhr mal zusammen geholt und sich dienstbar gemacht. Warum also soll man dies nicht auch mal als kulturelle Leistung sehen, stolz darauf sein und es zum Vorbild für ganz Deutschland und Europa hernehmen?

I.    Was ist eigentlich eine Kulturhauptstadt?

Schon beim ersten Hinsehen fällt auf, dass eine „europäische Kulturhauptstadt“ deswegen so heißt, weil sie keine wirkliche Hauptstadt ist, in der regiert, geherrscht oder sonstwie Politik gemacht würde. Geschweige denn eine wirkliche europäische Hauptstadt, denn über die verfügt der Staatenbund aus 27 Mitgliedern gar nicht. Vielmehr streiten in der EU laufend die souveränen Staaten darüber, wer wem welche Politik aufzwingen und dadurch eigene nationale Vorteile herausholen kann. Ein gemeinsamer politischer Wille und die daraus erwachsende Fähigkeit, mit denen über die europäischen Grenzen hinaus regiert werden kann, muss immer wieder neu hergestellt werden. Dazu wurde dieser Verein mal erfunden, daran arbeitet er sich seitdem aber auch ständig ab, nach außen wie innen.
Ganz anders auf dem Feld der Kultur. Auf diesem Feld kann und will man die politische Einheit, bei der noch nicht feststeht, wo ihre wirkliche Hauptstadt, ihr wirkliches Machtzentrum liegen wird, ideell schon einmal vorwegnehmen – ein gleich doppelt charmanter Einfall. Erstens ist Europa dem Rest der westlichen Welt auf diesem Feld nämlich automatisch überlegen, da der Ursprung von deren Kultur dank einer Laune der Geschichte nun mal zweifelsfrei auf dem alten Kontinent liegt. Was das angeht, können die USA und andere also wirklich nicht mit Europa mithalten. So jedenfalls sehen es die Europäer. Daher taugen ihnen ihre merkwürdigen „Kulturhauptstädte“, die jeweils mindestens ein paar hundert Jahre Geschichte vor sich hertragen, auch ganz wunderbar dazu, Europas gewissermaßen ältere Rechte selbstbewusst nach außen zu demonstrieren. Zweitens hätte man gerne, dass die Veranstaltung nach innen dazu beiträgt, das stets vermisste europäische Identitätsgefühl zu erzeugen – dafür eignet sich die in Szene gesetzte Idee, Europa sei im Grunde ein kulturelles Gesamtereignis, natürlich besser als ein paar Wahrheiten über dieses imperialistische Konkurrenzprojekt, Kultur hübscht schließlich enorm auf.

II.    Was feiert der Staat mit seiner Kulturhauptstadt?

Auch diese schöne Idee, die mit der kulturellen Vielfalt seiner Städte und Regionen die Eintracht Europas bebildern will, kommt natürlich nicht aus ohne Konkurrenz, Eifersucht und Streit – und das auf allen denkbaren Ebenen. Zwar ist ausgemacht, dass jedes EU-Land (und sogar auch solche, die sich um eine Mitgliedschaft erst bewerben oder der EU nur nahe stehen) mal dran kommt; und weil es inzwischen so viele Länder sind, gibt es seit einiger Zeit sogar zwei oder drei Kulturhauptstädte pro Jahr. Städte und ihre Kulturdezernenten spechten in der Ausschreibung dann aber wie bei vielen anderen Gelegenheiten auch auf die nationalen und  internationalen Geldtöpfe, mit denen sie Bekanntheit, Image und die Zahl asiatischer Touristen steigern können. Und die Staaten lesen an der Behandlung der Kandidaten, die sie ins Rennen schicken, ab, ob und wie es ihnen gelingt, ein Stück ihrer nationalen Folklore zum respektierten Bestandteil europäischer Leitkultur zu machen. Insofern feiert denn auch jede Nation, wenn sie es mit dem nötigen Gekungel und Druck geschafft hat, für ein Jahr eine europäische Kulturhauptstadt auf ihrem Boden vorzeigen zu können, vor allem erst einmal sich selbst und ihre eigene Vortrefflichkeit.
Deutschland begreift sich in dieser Frage natürlich sowieso als Mutter der Kultur und hat überhaupt kein Problem damit, diesen Anspruch auch durch eine extrem abgetakelte Region repräsentieren zu lassen. Und wie es so geht in unserer freien Öffentlichkeit: Urplötzlich und ohne jedes staatliche Kommando sind alle dabei! Zeitungen und Fernsehen sehen das Ruhrgebiet mit völlig neuen Augen und finden seine hässlichen Städte voll von interessanten und liebenswürdigen Details; auf einer bombastisch inszenierten (und sorgfältig vor Störern geschützten!) Eröffnungsfeier vergleicht der für die Kampagne verantwortliche Fritz Pleitgen sein Kind „Ruhr 2010“ mit New York, ohne das im geringsten ironisch zu meinen; und abends ermitteln die Tatort-Kommissare im Umfeld der „Zeche Zollverein“, damit auch wirklich jeder mitkriegt, was hier gerade angesagt ist.  

III.    Was bietet „Ruhr 2010“?

„Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ heißt das Motto, mit dem man die Auswahlkommission angeblich schwer beeindruckt hat. Und wenn man schon unbedingt so will, dann stimmt es natürlich, dass das Ruhrgebiet wie nix sonst in Deutschland davon zeugt, wie man Land und Leute für die jeweiligen Interessen von Kapital und Staat nutzbar macht und ihnen den dafür nötigen „Wandel“ aufherrscht – ob man im 19. Jahrhundert polnische Bauern in den Zechen verheizt, Kanonen für Deutschlands große Kriege gegossen,  nach dem 2. Weltkrieg für das deutsche Wirtschaftswunder geschuftet hat oder heute, nach dem „Strukturwandel“, in schicken kleinen Technologiezentren gutes Geld verdient, während ein gutes Viertel der Bevölkerung sich mit Hartz-IV durchs Leben schlagen muss.
Ruhr 2010 als europäische Kulturhauptstadt – das ist also vor allem die Feier eines großen „Trotzdem“: Das Ruhrgebiet ist kulturlos – genau das definiert man einfach um zu seinem ganz besonderen Vorzug und feiert seine Zechen- und Fabrikruinen als „Industriekultur“. Seine Menschen sind arm, aber sie sind stolz darauf, dass sie hart schuften und dabei anständig bleiben. Sie sind dumm, aber sie können noch jeden akademisch gebildeten Journalisten damit beeindrucken, dass sie den ganzen Laden lässig durchschauen – und das seit Generationen. In dieser Eigenschaft – als unverwüstliche Malocher, die alles mitmachen und trotzdem obenauf bleiben – liebt ihr Herbert sie dann offensiv:
„Wo man gleich den Kern benennt
und das Kind beim Namen kennt
Von klarer offner Natur
Urverlässlich, sonnig stur
Das ist Ruhr,
Seelenruhr
Von schwerverlässlicher Natur
Urverlässlich, sonnig, stur ...“
Und das fassen die Besungenen (leider) kein bisschen als Beleidigung auf, sondern feiern sich glatt noch selbst.