
| „Teure Medizin nicht mehr für jeden!“ |
|
|
|
|
Mit dieser Forderung ging Jörg-Dieter Hoppe, der Präsident der Bundesärztekammer, in die Öffentlichkeit. Als Grund führte er an, dass die Einschränkung von medizinischen Leistungen längst praktiziert wird: „In Deutschland gibt es bestimmte medizinische Leistungen nicht mehr für jeden“ berichtete der oberste Arzt: „Ärzte und Krankenhäuser stünden unter Budgetdruck und entschieden deshalb, ausgehend vom Einzelfall, bei welchem Patienten sich eine teure individuelle Behandlung besonders lohne. (...) Hoppe forderte den neuen Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) dazu auf, eine offene Debatte darüber zu führen, welche Patienten und Krankheiten künftig mit welcher Priorität behandelt würden: „Diese Entscheidung muss die Politik treffen, nicht die Ärzteschaft.“ (WAZ, 18.1.10)
Aufgemerkt: Der Präsident der Ärzteschaft hat nichts dagegen, wenn Ärzte medizinische Leistungen, zu denen sie in der Lage sind, nicht mehr jedem zukommen lassen, der sie braucht, also Hilfe verweigern. Schließlich gibt es für die Ärzteschaft, die er vertritt, wichtigeres als die Gesundheit der Kundschaft: „Im deutschen Gesundheitswesen wird heimlich rationiert, weil nicht genügend Geld zur Verfügung steht, um allen Menschen die optimale Therapie zu verschaffen“ sagte Hoppe. • Selbstverständlich ist für Hoppe also, dass die Behandlung von Krankheiten in dieser Gesellschaft ein Geschäft darstellt, an dem die Helfer auf Kosten der Patienten verdienen wollen. Davon leitet er ab, dass der Berufsstand mit dem hippokratischen Eid nur dann die bestmögliche Therapie gewährleistet, wenn seiner Zunft dafür genügend Geld zur Verfügung gestellt wird. Präparate, qualifizierte Kräfte und bedürftige Patienten sind zwar vorhanden, nicht aber das Geld, um die Geschäftsinteressen von Pharmaindustrie, Ärzteschaft, Klinikunternehmen usw. in ausreichendem Maß zu befriedigen. Der oberste Vertreter der Götter in Weiß wird nicht rot, wenn er verkündet, dass Hilfeleistung unterlassen wird, wenn sie sich nicht lohnt. • Hoppe hat volles Verständnis dafür, dass die Politik mit ihren Reformen an der Gesundheit der abhängig Beschäftigten spart und Unternehmen seit Jahrzehnten Massenentlassungen und Lohnsenkungen im Interesse ihres wachsenden Vermögens durchführen, so dass immer weniger Beitragszahler sinkende Beiträge in die Gesetzliche Krankenkversicherung (GKV) einzahlen. Mit dem Rest der Leistungsträger des Standorts Deutschland teilt er die Ansicht, dass die Abgaben der Wirtschaft an die GKV die Benutzung der menschlichen Arbeitskraft unnötig verteuern und dass der Arbeitgeberbeitrag zur Krankenversicherung begrenzt werden muss. Während er die Beschränkungen der Einnahmen der Gesundheitskassen befürwortet, steht er auf der anderen Seite dafür ein, dass die Preise des heilenden Gewerbes sich nicht nach der beschränkten Zahlungsfähigkeit der Kranken richten, sondern an den legitimen Geschäftsansprüchen der Branche Maß nehmen. Leider, leider, das bedauert Hoppe mit einem nervösen Augenzwinkern, wollen Einnahmen und Ausgaben dann nicht mehr zueinander passen und müssen die Krankenkassen folglich aus rein haushalterischen Gründen im unschuldigen Gesundheitstopf Kürzungen vornehmen. • Dann gilt aber, dass die staatlich verordneten Einsparungen nicht den Lebensstandard der Ärzte einschränken sollen, sondern diese dank ihrer Machtstellung den politischen Sparzwang zu Lasten des Gesundheitszustands ihrer Patienten schon längst weitergeben. Was will Hoppe dann mit seinem Apell an die Politik? Nichts in der Sache. Dafür umso mehr in der Imagepflege: Für die unterlassene Hilfeleistung soll die Schuld nicht bei der Ärzteschaft liegen, sondern soll die Politik die Verantwortung übernehmen. PS: Der Vorstoß wurde vom neuen Gesundheitsminister zurückgewiesen: „Es sei nicht Aufgabe des Gesundheitsministeriums, eine Debatte über die Priorisierung in der Arzneimittelversorgung zu führen und darüber zu entscheiden.“ Liberal wie der Mann nun einmal ist, lehnt Rösler eine Priorisierung (!) „schon aus ethischen Gründen klar ab.“ Schließlich entscheiden Politiker in ethischer Verantwortung bereits über das Budget der Gesellschaft, was Ärzte daraus machen und wie Patienten damit klar kommen, ist deren Sache. –> Zum Gesundheitswesen im Kapitalismus in der Rubrik „immer noch aktuell“: „Wachstumsbranche Volksgesundheit“ aus Gegenstandpunkt 1/07 |


