
| Der Ruf nach Gerechtigkeit |
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Fester Bestandteil des gesunden Volksempfindens
Die Menschheit hat sich mehrheitlich mit ziemlichen Widerwärtigkeiten herumzuschlagen – viel Arbeit, wenig Geld, schlechte Wohnungen, laute Straßen. Interessant ist, wie sie all das überhaupt zur Kenntnis nimmt und wie sie über all das nachdenkt. In unserer Gesellschaft, in der alles staatlich geregelt und verwaltet ist, jedem Interesse also irgendwo ein Recht zugrunde liegt, denken die Menschen am liebsten nach, indem sie alles in Gerechtigkeitsfragen verwandeln. Sie fragen etwa: Wieso kriege ich für meine Arbeit weniger Geld als der Typ neben mir? Wieso haben unsere Nachbarn die bessere Bude, obwohl sie gar kein Kind haben? Wieso also ist die Welt so ungerecht? Unzufriedenheit mit einem Schaden tritt in dieser Art zu denken also sofort auf als eifersüchtige Gehässigkeit gegen andere, die sich zwar meist in einer ziemlich ähnlichen (Klassen-)Lage befinden, es aber in einer Kleinigkeit besser getroffen haben als man selbst. Das ist eigenartig und erklärenswert. Wie kommt es dazu? • Man muss vor allem sehr fest glauben, in einer Gesellschaft zu leben, in der es „eigentlich“ und „letztlich“ für alle gut ausgehen soll – bei allen anerkannten Unterschieden von oben und unten. Aus der staatlich verordneten Konkurrenz um Reichtum mit all ihren tagtäglichen Gegensätzen und der Benutzung massenhafter Armut dafür, dass ein paar Reiche immer reicher werden und das dazugehörende Staatswesen immer mächtiger, wird durch diese moralische Umdeutung so etwas wie ein Gemeinschaftswerk bezüglich Arbeit und Versorgung. • Wer so denkt und damit gegen alle Realität beharrlich an dem Bild festhält, das diese Gesellschaft natürlich gerne über sich verbreitet, ist dann sein Leben lang enttäuscht darüber, dass er „trotz“ Leistung nicht viel rauskriegt und sich für sein ehrlich verdientes Geld nur ein schäbiges Leben leisten kann. • Wer so denkt, kommt dann auch stets auf die Idee, sich nach „oben“ zu wenden und unter Berufung auf die Leistung, die er mit seiner Arbeit, der Erziehung seiner Kinder oder einem Ehrenamt im Sportverein erbracht hat, eine „entsprechende“, sprich gerechte Entlohnung, den Erhalt seines Arbeitsplatzes oder Rücksichtnahme auf sonstige (selbstverständlich ehrbare!) Anliegen einzufordern. • Für ihn wird aus dem gesamten Sozialstaat, mit dem die Politik dafür sorgt, dass die notwendig anfallende Armut nachhaltig nützlich bleibt für ihre kapitalistische Reichtumsproduktion, die fürsorgliche Unterstützung von in Not Geratenen, für die er allerdings meist selbst eine einschränkende Bedingung formuliert: „unverschuldet“ sollte sie schon sein, die Notlage. • Die mit schöner Regelmäßigkeit eintretende Tatsache, dass die Masse der Leute zu nix kommt, stellt sich dann nicht als das Funktionieren dieser Gesellschaft dar, sondern als eine Art von Versagen, für das man folgerichtig irgendwelche Schuldige sucht. Das sind in dieser Logik Figuren, die sich am großen Ganzen, für das man selbst brav einsteht und Steuern zahlt, vergehen und damit alles kaputt machen, was doch „eigentlich“ zum Wohle aller da sein könnte – ein Gedanke, der sich dann auch endgültig freimacht davon, ob man selbst überhaupt negativ betroffen ist oder sich schlicht als Fanatiker des Gemeinwohls gegen „selbstsüchtiges“ Handeln aller Art in die Bresche wirft. • Die Liste derer, denen man vorwirft, als „Egoisten“ zu handeln, ist potenziell ziemlich lang: Das sind die Bankster, die Milliarden scheffeln und dabei „unsere“ Wirtschaft aufs Spiel setzen; das sind Unternehmer, die „nur“ auf Profitmaximierung schauen statt Arbeitsplätze zu schaffen; das sind Politiker, die sich bestechen lassen, „statt“ das Allgemeinwohl durchzusetzen – Entgegensetzungen, die allesamt wenig über die reale Welt, aber sehr viel darüber verraten, was man sich geradezu kindisch-naiv über sie einbildet. • Vor allem aber – und darauf kapriziert sich die Beschwerde von Gerechtigkeitsfanatikern in den allermeisten Fällen – sind es 1. die Ausländer, die hier eigentlich nichts zu suchen haben und „uns“ auf alle Fälle etwas wegnehmen, und 2. die Sozialschmarotzer, die Geld von der Gemeinschaft kriegen, ohne sich für sie nützlich zu machen und eine entsprechende Gegenleistung zu erbringen. • „Gerecht“ geht es in dieser Welt also dann zu, wenn dem Egoismus der „üblichen Verdächtigen“ kräftig auf die Füße getreten wird. Dem Inhalt nach ist das ebenso abstrakt wie negativ gedacht – und das Verlangen nach Exekution dieser Gerechtigkeit bemisst sich auch mitnichten daran, dass man davon etwas anderes hat als eben das: dass dem anderen sein „ungerechter Vorteil“ entzogen, das Übel bestraft und damit „der Gerechtigkeit“ Genüge getan wird. Wer das machen soll? Ein Auftrag an „die da oben“ ist es: Die „Ordnung“ bzw. die Staatsgewalt soll sich endlich und gefälligst durchsetzen gegen alles Mögliche, was ihr in die Quere kommen könnte und damit den Vollzug des eigentlich guten Gemeinschaftswerks behindert. Das ist – in groben Zügen – der Inhalt des „gesunden Volksempfindens“ in Sachen Gerechtigkeit. Durchaus ein Anlass, Gänsehaut zu kriegen, wenn sich darauf berufen wird! |


