Wieder ein Fall von: Die Welt ist ungerecht PDF Drucken E-Mail
American Heroes  
„Die Helfer, die bei den Rettungsarbeiten nach den Anschlägen vom 11. September ihre Gesundheit verloren, werden entschädigt!“ berichtet die SZ vom 13. März 2010 (hieraus alle folgenden Zitate). Michael Moore hat über diese Geschichte, die in Amerika zu einem kleinen Skandal geworden ist, einen Film gemacht. „Sicko!“ Botschaft und Inhalt des Streifens umreißt die SZ wie folgt: „Wohlmeinende, ehrliche Leute, die für ihr Land anpacken und dann von diesem im Stich gelassen wurden. Viele können nicht mehr arbeiten, haben mit den Jobs ihre Versicherung verloren und verlieren nun, weil sie jeden Cent für Ärzte und Medikamente ausgeben, auch ihre Wohnungen.“ Die Betroffenen, mit ihnen Michael Moore und breite Teile der Bevölkerung, deuten das Schicksal der ehemaligen Helden als Skandal. Von der Nation, von Staat, Unternehmern und ihren amerikanischen Volksgenossen haben sie offensichtlich anderes erwartet und klagen deshalb an.
Das ist allerdings gut. Was soll einen nationalen Helden eigentlich auszeichnen, wenn nicht genau das: selbstlose Aufopferung für das, was das Vaterland von ihm erwartet und einfordert? Gegen die opferbereite patriotische Einstellung wollen Moore und andere ja auch gar nicht anstinken. Sie vermissen, dass die von den Feuerwehrleuten und anderen gebrachten Opfer moralisch gewürdigt werden und das sich das dann irgendwie auch materiell niederschlägt – und sei es nur in einer gewissen symbolischen Besserstellung gegenüber dem jetzt feststellbaren schäbigen Umgang, der die „Helden“ einfach auf eine Stufe mit allen anderen auch stellt.
Dagegen wollen wir ein paar andere Fragen und Schlüsse nahe legen. Wie wird eigentlich ein ganz normaler Menschen zum Helden und wofür „opfert“ er sich dabei eigentlich?
In diesem Sinn liest sich die Geschichte der american heroes vom ground zero nämlich etwas anders: Gerade Amerikas Prinzipien, für deren Rettung die Feuerwehrleute und sonstigen Helfer verheizt wurden oder sich geopfert haben, schlagen jetzt, im kapitalistischen Alltag, gnadenlos gegen sie zurück.

1. Bedenken und Sorgen um die eigene Existenz der eingesetzten Hilfskräfte gelten in „der aufgewühlten Atmosphäre nach dem Anschlag als unpatriotisch und zimperlich“. Es herrscht Ausnahmezustand. Wer seinem Vaterland in einer solchen Notlage zur Seite springt, darf weder nach dem Preis der Opferbereitschaft noch nach dem materiellen Nutzen fragen. Für die Helfer von Ground Zero (und nicht nur für sie) ist das Vaterland das Höchste. Ihm in so einer Situation an so einem Ort zu dienen, gilt als Ehre – ob am Tag des Anschlags oder beim anschließenden Wegräumen der Trümmer. Und tatsächlich werden die Helfer ja auch als nationale Helden gefeiert, denen „der Dank des Vaterlandes“ in Ansprachen und durch Ordensverleihungen von höchster Stelle ausgesprochen wird.
2. Profaner ging es im Ground Zero selbst zu. Bei den auf Aufräumarbeiten nutzen Baufirmen und Rettungsdienste die nationale Stimmung gegenüber ihren Arbeitskräften gewohnheitsmäßig aus: Sie sparen an Sicherheitsvorkehrungen und Gesundheitsschutz für den aufreibenden Einsatz ihrer Beschäftigten in der Ruine, zumal noch „keiner wusste, wer für die Katastrophe und ihre Folgen zahlen würde“. Fast ungeschützt atmen die Helfer auf der rauchenden Baustelle giftigen Aschestaub ein. Tausende ruinieren ihre Lungen, werden später krank, bekommen Asthma, Bronchitis, Krebs. Die ersten sterben.
3. Als arbeitsunfähige Kranke können die Arbeitgeber ihre Helden nicht mehr gebrauchen. Bei allem Respekt vor dem aufopfernden Arbeitseinsatz von einst muss an die Arbeit von heute selbstverständlich ebenfalls der Maßstab der Rentabilität angelegt werden. Also werden die Helden entlassen. Berufskrankheit, Berufsunfähigkeit. Arbeitslosigkeit. Das gehört zum Normalfall des Kapitalismus auch ohne glanzvolle Sondereinsätze.
4. Mit der Arbeit verlieren die Männer und Frauen auch ihre Einkommensquelle. Denn Lohnarbeit ist im Kapitalismus, in dem zwar jeder Geld braucht, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, für die meisten Menschen der einzig erlaubte Weg um an Geld zu kommen. Aber „nur“ weil er sie braucht, bekommt im Kapitalismus niemand Arbeit, geschweige denn ein Einkommen. Arbeit gibt es nur und nur so lange, wie es sich für den Arbeitgeber rentiert. Auch das ist ganz normal. Und deshalb gilt es auch als privates Schicksal der Betroffenen, das zwar bedauerlich ist, aber eben kein Skandal.
5. „Und weil viele von ihnen nicht einmal eine Krankenversicherung hatten, verloren sie mit ihrer Gesundheit auch ihre Existenz.“ Der Zusammenhang ist für Jörg Häntschel von der SZ ganz klar. Denn was braucht man, wenn man krank ist? Medikamente, Ärzte, Pflege und eine gute Hühnersuppe? Natürlich ja. Aber zunächst einmal braucht man eine gute Krankenversicherung, weil auch die Gesundheit im Kapitalismus als Geschäft organisiert ist. Geheilt wird im Normalfall nur gegen Geld oder gar nicht. Auch das gilt nicht als Skandal. Die kranken, arbeitslosen Helden haben also ihr letztes Vermögen aufgewandt, um ihre Krankheit von geschäftstüchtigen Ärzten, Pharmaunternehmen etc. behandeln zu lassen und ruinierten damit völlig ihre ökonomische Existenz.
6. „Nach jahrelangem rechtlichen Gezerre haben sich die Stadt New York und 90 Baufirmen nun bereit erklärt, Entschädigungen in Höhe bis zu 675 Millionen Dollar an die 10.000 Betroffenen zu zahlen.“ Hilfe wird den Geschädigten nämlich weder wegen ihrer Lebenslage noch wegen ihrer Taten zuteil. Ihre ehemaligen Chefs verweigern jede Zuwendung. Wie immer gilt nämlich: Es geht nicht einfach darum, wer was braucht und was die Gesellschaft dafür zur Verfügung stellen könnte, sondern auf welches Recht sich ein Betroffener in seiner Notlage berufen kann. Also geht die Sache vor’s Gericht. Statt sich um ihre Gesundheit kümmern zu können oder wenigstens ihren überraschend frühen Lebensabend zu genießen, streiten sie röchelnd und keuchend auch noch acht Jahre später gegen Staat und Unternehmen.
7. Die Anwälte der 9000 Kläger und 91 Beklagten sind mit dem erzielten Ergebnis zufrieden. Es ist das Ergebnis „von mehreren hundert Anwälten. Dutzende Millionen Seiten Papier wurden mit den Fällen beschrieben. (...) Die Beschuldigten haben bereits 200 Millionen Dollar ausgegeben. (...) Ein Drittel des ausgezahlten Geldes fließt wiederum an die Anwälte der Betroffenen.“ So gehen 400 Millionen Dollar bereits für die Rechtsanwälte drauf, noch bevor die Helfer Geld in den Händen halten, mit dem sie sich zu ihren Ärzten schleppen können. Juristen sind in modernen Dienstleistungsgesellschaften ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, unverzichtbar und Rechtschutzversicherungen deshalb beinahe überlebenswichtig. Auch das natürlich völlig normal.
8. Dass eine Entschädigung statt findet, steht dann irgendwann fest. Aber: „Wie hoch die jeweils ausgezahlten Entschädigungen sein werden, wird nun in jedem Fall einzeln entschieden. Dabei muss (!) auch geklärt werden, ob die Symptome nicht schon älter sind, ob Rauchen dazu beitrug und was in den letzten Jahren passierte. Einige Arbeiter werden nur ein paar Tausend, andere mehr als eine Million erhalten.“ (ebenda) Auch das ist nämlich selbstverständlich: Die Höhe der Entschädigungen hängt nicht vom Bedarf der Arbeiter ab. Es ist nicht wichtig, wie viel Geld sie und ihre Familien zum Leben oder für die Behandlung ihrer Krankheiten benötigen. Wichtig ist, ob sie nachweisen können, dass ihr Zustand durch die Fahrlässigkeit ihrer Chefs nach dem 11. September verursacht wurde. Vielleicht ist ihr Elend aber auch durch privaten Konsum, kapitalistischen Alltag oder die Arbeit davor und danach entstanden. Das ist zwar bedauerlich, aber kein Grund für Hilfe. Nur weil sie Geld zum Überleben dringend brauchen, ist es ihnen keineswegs sicher. Sicher ist nur, dass Ärzte und Anwälte erst noch einmal Gutachten schreiben und Honorare kassieren.
9. Am Ende bekommen die Kranken oder, wenn es länger dauert, ihre Angehörigen mit etwas Glück für ihre kaputten Lungen zwar keine neuen, dafür aber Geld. Auch das gilt als völlig normal, denn im Kapitalismus hat eben alles seinen Preis.

Lesetipps:
• Stichwort „Gesundes Volksempfinden“ unter „Demokratie & Öffentlichkeit“
• „Das Volk – eine furchtbare Abstraktion“ in: Gegenstandpunkt 1/06