Ruhe im Karton PDF Drucken E-Mail
Gloomy Sunday
Sonntag, der 18. April, war ein schöner Tag. Insbesondere auch ein ruhiger Tag. Nicht nur Laubenpiepern, die unter einer Flugschneise Unkraut zupfen oder einfach nur herumhängen, fiel auf, was sie sonst nicht mehr kennen: Verschonung von Lärmbelästigung durch ständigen Flugverkehr. TV-Reporter waren mit der Kamera unterwegs: „Was sagen Sie zu dieser Stille? – Herrlich, der Islandvulkan hat uns diese Überraschung spendiert.“ Lachen, Augenzwinkern, Filmende.
Stillschweigendes Einverständnis herrscht zwischen dem Reporter und den Befragten (und wohl auch dem Publikum), dass das an diesem Sonntag Erlebte eine ausnahmsweise Erleichterung ist, die keinesfalls anhalten kann. So dass das Bedürfnis nach Ruhe ein bloßer Wunsch bleiben muss, der nicht auf Erfüllung hoffen darf. Warum im Normalfall, wenn kein zufälliges Naturereignis dazwischen kommt, Lärm nicht nur vom Flugverkehr genau so zum `Leben´ dazugehört wie Luftverschmutzung oder andere ernste Beeinträchtigungen von Wohlbefinden und Gesundheit, ist keinen weiteren Gedanken wert. All diese negativen Begleiterscheinungen der „heutigen Zeiten“ gibt es eben, sogar mit zunehmender Tendenz – sie sind „Realität“. Und das lässt beim braven Bürger auf nichts anderes schließen als darauf, dass das dann wohl auch so sein muss.
Die „guten Gründe“, warum das so sein muss und der Flugbetrieb unbedingt baldmöglichst wieder aufgenommen werden muss, diese guten Gründen also kann er sich dann ab Montag von seiner Zeitung vorerzählen lassen, wenn er es nicht sowieso schon geahnt hätte:
Ohne zigtausend Flüge von und nach und quer durch Deutschland
•    müssen wir auf frische Blumen zu jeder Jahreszeit verzichten
•    können Unternehmen ihre Manager nicht zum Konferenztermin am Heimatort zusammentrommeln
•    sitzen deutsche Urlauber in Mallorca fest und müssen unbezahlten Zusatzurlaub nehmen
•    fehlen BMW und Daimler wichtige Montageteile und der Betrieb droht still zu liegen
•    kann die Kanzlerin ihre Verpflichtungen nicht erfüllen
•    bleiben Feinkostläden ihrer anspruchvollen Kundschaft den Frischhummer und anderes schuldig
•    erleiden Lufthansa und Air Berlin unterm Strich also täglich Millionenverluste, die wir Steuerzahler dann ausgleichen dürfen
Egal, ob der Bürger in den aufgezählten Aspekten seine Interessen wiederfindet oder nicht: Insgesamt wird ein ihm einleuchtendes Sammelsurium von `Notwendigkeiten´ vorstellig gemacht, die den Flugbetrieb mitsamt seinen unangenehmen Seiten als unverzichtbar erscheinen lassen.
Die Frage, wofür unverzichtbar, stellt sich gar nicht mehr – jedenfalls nicht für unseren braven Bürger. Er hat genug – an plausiblen Hinweisen, dass er auf jeden Fall richtig lag mit seinem Generalverdacht, dass alles schon seine Ordnung haben wird. Lästig bis störend gilt ihm das Nachfragen, welchen Spielregeln eigentlich unser `Leben´, der ganze Laden, gehorcht, wenn solche Bedürfnisse wie die oben genannten befriedigt werden müssen, während das nach mehr Ruhe und Entspannung nichts gilt, allenfalls im Urlaub, den man dank des Flugverkehrs antreten darf – und auch da nicht wirklich.
Vom kapitalistischen Grund der heutigen Verkehrsverhältnisse in Deutschland und anderswo und davon, wie viel man sich ersparen könnte, wenn der wegfallen würde, will so jemand nichts wissen. Das nützt ihm nichts – fürs Zurechtkommen in den gegebenen Verhältnissen –, schadet eher und ist deswegen dummes Zeug…
Für die, die´s trotzdem interessiert, drucken wir einen Beitrag zur Flughafenerweiterung Frankfurt a. M. ab, der im Radio X (Frankfurt) gesendet wurde.
–> Immer noch aktuell