Stahlarbeiter demonstrieren mit Stahlmanagern gegen „Spekulanten“: PDF Drucken E-Mail
Was ist da los?
WAZ-Artikelüberschrift „Gegen die Spekulanten. Rund 6.000 Stahlarbeiter protestieren in Duisburg gegen Preistreiberei bei Rohstoffen. Unter ihnen auch Konzernvorstände“ (23.4.)
Die Metallverarbeitende Industrie leidet unter den steigenden Stahlpreisen. „Die Tonne Warmbreitband, eine Sorte, die etwa für die Automobilindustrie besonders wichtig ist, könnte bis auf circa 750 Dollar anziehen. Damit läge der Preis gut 20 Prozent über dem Vorjahresniveau.“ (EuroamSonntag, 24.4.)
Trotzdem jammert die Stahlindustrie ihrerseits über Kostensteigerungen. „Der brasilianische Erzriese Vale hatte in Verhandlungen mit seinen Kunden ein seit 40 Jahren geltendes ehernes Gesetz der Branche verschrottet: Preise für Erz und Kohle sollen künftig nur noch für die Dauer eines Quartals gelten. `Flexibler´ will Vale in der Preisgestaltung werden. Im Klartext: mehr verdienen.“ (ibid.)
Kapitalisten nutzen den Markt eben so gut es geht. Wenn ihre Abnehmer auf sie angewiesen sind, weil sie mit Eisenerz resp. Stahl ihrerseits gute Geschäfte machen, dann wird der Verkaufspreis schon mal kräftig heraufgesetzt. Ob der Abnehmer, für den die Einkaufskosten steigen, sich bei seinen Kunden schadlos halten kann, ist dann die Frage. Am Ende lässt der erhoffte Profit wegen der Konkurrenz aller gegen alle zu wünschen übrig, obwohl man sein Zeug 20 % teurer losschlägt und auf keinerlei Beständen sitzenbleibt.

So weit, so tragisch. Richtig lustig wird´s dann, wenn sich nicht nur die Kapitalisten wechselseitig der Preistreiberei bezichtigen und mit einer Anrufung des Kartellamts liebäugeln, um die Widersacher in die Schranken zu weisen. Wenn sich vielmehr die Arbeiter der Konzerne für ihre Chefs auf der Straße herumtreiben und „protestieren“. Ausgebeutet werden sie ihrer Auffassung nach also nicht von ihren Unternehmen, für deren Profit sie sich verausgaben müssen, in deren Kalkulationen ihr Lohn und ihr Arbeitsplatz jederzeit zur Disposition steht. Ausgebeutet werden sie neuerdings von den „Spekulanten“ in Übersee, die ihren Chefs den Gewinn streitig machen und damit ihre Arbeitsplätze gefährden. Der Arbeitersprecher Eichler (IG Metall) fordert von Merkel einen Rohstoff- und Energiegipfel, um der Stahlindustrie, die ebenso wichtig wie die Banken sei, zur Seite zu stehen. „`Wir werden der Politik keine Ruhe lassen´, brüllt der Metaller unter einem ohrenbetäubenden Trillerpfeifen-Konzert. Und auch die Konzernvorstände applaudieren.“ (WAZ)

Das ist der neue Klassenkampf. Kapitalisten und Proleten Seit an Seit gegen andere Kapitalisten und Proleten. Unter Einspannung der nationalen Führer.  
Kapitalisten haben nichts mehr zu befürchten außer ihresgleichen. Kuscheliger werden sie dadurch nicht.

P. S. Ein kritischer Leser obigen Artikels (den er als Entwurf vorliegen hatte) schreibt dazu: „Die Proleten werden mobilisiert in ihrer Vertrauensseligkeit für heimische Real-Kapitalisten und deutsch-europäischen Imperialismus. Ich schicke Dir mal den `Duisburger Appell´ des Gesamtbetriebsrats von Thyssen-Krupp. Im Namen der Proleten fordert die Gewerkschaft staatliches imperialistisches Eingreifen gegen (außereuropäische) Rohstoffkonzerne. Tenor: Die deutschen und EU-Stahlkonzerne haben Recht auf Erfolg , sind super aufgestellt, nämlich u. a. auf Kosten der Proleten (Kostensenkungsprogramme und Personalabbau), könnten also im Merkel´schen Sinn gestärkt aus der Krise herauskommen – wenn da nicht die Kartelle und Spekulanten wären, die wir von Europa aus nicht genug unter Kontrolle haben, weil die hiesigen Staaten angeblich tatenlos zuschauen. Das kommt mir im Entwurf zu kurz.“
D´accord!