Kirgisen gegen Usbeken PDF Drucken E-Mail
Mörderisches Volk
Zu den ethnischen Pogromen in Kirgistan werden alle möglichen Hintergrundinformationen serviert. Eigentlich sei Stalin schuld, weil er die Grenzen gleichgültig gegenüber traditioneller Besiedlung durch Kirgisen, Usbeken, Tadschiken gezogen habe. Die Gegend sei ein Umschlagplatz für Rauschgift, entsprechend hätten mafiose Gangs mit ethnischem Schwerpunkt dort Rechnungen gegeneinander zu begleichen. Der von der Macht vertriebene Ex-Präsident wiegele mit seinen Clanmitgliedern die Volksgruppen gegeneinander auf, um das von verkehrten Nachfolgern regierte Land zu destabilisieren. Die Regierungen der Region seien zu schwach, um einzugreifen, die Paten Russland oder USA zögerten…
Stets bleibt aber offen, wieso Volksgruppen wie Kirgisen oder Usbeken von Haus aus dazu neigen sollten bzw. leicht dafür eingespannt werden können, aufeinander los zu gehen und regelrechte Massaker aneinander anzurichten. Dass so etwas schnell mal vorkommt, gerade auch bei Menschen, die zuvor lange miteinander ausgekommen sind, in Kirgisien wie in Jugoslawien, Ruanda oder sonstwo, ist anscheinend vielen durchaus irgendwie verständlich, auch wenn man das natürlich überhaupt nicht schön findet. Der Ruf nach Eingriffen von oben, nach einer zivilisierenden Staatsgewalt, scheint dann der einzige Ausweg zu sein. Aber warum drehen Völker bisweilen so auf und durch?

„Das Volk will diese Gewalt nicht“
sagt der Bürgermeister von Osch angesichts der Leichen- und Trümmerberge, in die das Volk gerade die zweitgrößte Stadt des Landes verwandelt hat. Mehr daneben liegen kann man allerdings kaum. Denn gerade in der Kategorie „Volk“, die allseits respektiert wird und an der niemand etwas kritisieren mag, liegt die Erklärung für die scheinbar „unbegreiflichen“ Vorgänge.

Egal, welche Unterschiede zwischen einem Volkshaufen in Afrika, Zentralasien oder Europa anzutreffen sein mögen: Gemeinsam ist all diesen Leutemassen, dass sie sich jenseits aller individueller Eigenschaften oder Klassenzugehörigkeit als Teile eines Volks begreifen. Dabei kann diese übergreifende Gemeinschaft mehr politisch, rassisch, kulturell oder religiös definiert sein, auch Vermischungen sind üblich („Ich bin in erster Linie Amerikaner, aber eigentlich Italiener“, „Ich bin Russe, aber auch Jude, bin aber Bürger Kasachstans“ usf.).
Ihre Zugehörigkeit zu einem Volk kehren die Menschen auch gerne heraus: In einigen Weltgegenden ziehen sie sich dazu traditionell an und pflegen ihre althergebrachte Feiertage. Moderne Völker jubeln ihren Sport- und sonstigen Stars zu, wenn die mit ihren Auftritten anderen Völkern Eindruck machen.
Subjekt ist das Volk bei alledem normalerweise allerdings nicht. Das Interessante am Volksein ist nämlich, dass da nicht Leute zusammen agieren, die sich aus Neigung oder Interesse zusammengetan haben, sondern dass sich „Schicksalsgenossen“ im gleichen Boot wieder finden. Dass man zu einem Volk gehört, ist nämlich keine freiwillige Angelegenheit. Man wird hineingeboren in ein besonderes von anderen abgegrenztes Gemeinwesen, in dem alle möglichen „Regeln“ gelten, das Leben unter allerhand „Sachzwänge“ gestellt ist, bestimmte Sitten und Gebräuche herrschen. Man ist einem Herrschaftszusammenhang eingeordnet, dem eine Regierungsgewalt vorsteht und durch ihren Machtgebrauch immer neue Verlaufsformen verleiht. Dadurch, und nur dadurch, dass er Objekt derselben Herrschaft ist, wird der einzelne Bprger mit allen anderen Bürgern zwangsverschwistert, zu einem Volk zusammengeschweißt. Es wird aber in allen Zwangsverbänden solcher Art einiges getan, um diesen gewaltsam gestifteten Zusammenhang von Herrschaft und Volk ideologisch zu überhöhen: Bei allen möglichen Gelegenheiten wird das Objekt der staatlichen Herrschaft, das liebe Volk, als eigentlicher Auftraggeber und Begünstigter gefeiert und die (angeblich oder wirklich) vorstaatliche ethnische, sprachliche, traditionale etc. Identität des Volks als eigentlicher Kitt des Gemeinwesens beschworen.
Was auch immer das einzelne Volksmitglied für sich aus diesen Gegebenheiten zu machen versteht, über Anstrengungen, Beziehungen, erworbenes oder ererbtes Geld etc. – es ist wie jedes andere auch abhängig vom und angewiesen aufs Gedeihen des national organisierten Miteinander, des Gemeinwesens, das einem vorausgesetzt und übergeordnet ist. Diese praktische Abhängigkeit, die sie nicht ausschlagen können, nehmen die Leute wie einen guten Grund, für die Staatsnation zu sein, in die es sie verschlagen hat. Mehr noch. Sie stellen sich vor, dass zwischen ihnen als Volk und „ihrem“ Staat ein ganz besonderes Entsprechungs- und Treueverhältnis herrscht, das für beide Seiten Rechte und Pflichten stiftet. Sie organisieren unter den vorgegebenen Umständen ihr „privates Leben“, liefern dem Gemeinwesen daraus Steuern und andere Leistungen ab, mit denen dieses wiederum seiner Fürsorgepflicht für sie nachkommen kann, eben dadurch, dass anständig regiert wird. Und neben und getrennt von dieser alltäglich praktizierten Zustimmung bejahen sie bei bestimmten Anlässen, nationalen Feierstunden oder internationale Wettbewerben, explizit, dass sie eine große National-Mannschaft sein wollen: Sie bekennen sich zu ihrem „Patriotismus“.
Gegensätze innerhalb eines Volkes sind dadurch natürlich nicht einfach aus der Welt. Sie treten aber zurück gegenüber der abstrakten Frontlinie `Wir oder Ihr´, die ein Volk vom andern scheidet, auch wenn noch gar nichts extra Boshaftes im Spiel ist. Wenn aber das eigene Dasein als Untertan eines Herrschaftsverbands oder das Schicksal der Nation aus irgendwelchen Gründen prekär wird, wenn die gewohnten Ansprüche nicht mehr bedient werden, ist rasch ein Übergang parat. Dabei wird ungefähr so gedacht: Ein einvernehmliches und intaktes Verhältnis von Staat und Volk, in dem jeder an seinem Platz seine Pflichten erledigt, garantiert sowohl den einfachen Leuten ihr Leben als auch Sicherheit und Erfolg der Nation. Wenn das zu wünschen übrig lässt, muss dieses einträchtig-pflichtbewusste Verhältnis im Dienst am „großen Ganzen“ irgendwie gestört worden sein.
Dieser Gedanke sucht Gründe für das eingetretene Missverhältnis durchaus auch mal bei der Herrschaft. Der Vorwurf lautet dann, dass diese vor ihrer eigentlichen Aufgabe versage, weil die Regierenden ihre Macht nicht ge-, sondern missbrauchen – in Kirgistan wurde vor ein paar Wochen der bis dahin herrschende Bakijew wegen Korruption aus dem Amt geputscht. Vor allem aber nimmt das Volk in solchen Fällen falsche Fuffziger ins Visier, die nach der Logik des national-staatsbürgerlichen Denkens eigentlich sowieso nicht ins Land und unter die schützende Obhut des Staats gehören. Mit ihrer puren Existenz gelten sie als leibhaftiger Beweis für eine Störung in dem innigen Verhältnis zwischen dem Staat und seinem eigentlichen Volk und werden verantwortlich dafür gemacht, dass sich ersterer nur unzureichend um letzteres kümmert. Ein solches Urteil trifft entweder Ausländer, für deren Anwesenheit das Volk keinen guten Grund erkennen mag, auch wenn der eigene Staat sie als Gastarbeiter oder aus sonstigen berechnenden Gründen ins Land geholt hat. Es trifft aber auch Teile der Bevölkerung selbst, die zwar seit Jahrzehnten hier ansässig sind, ihr Leben gerade so gut oder schlecht fristen wie man selbst, aber einer anderen Ethnie entstammen. Ihnen wird jetzt vorgehalten, letztlich volksfeindliche Ambitionen zu verfolgen, sich als Fremde ungebührliche Rechte herauszunehmen und damit die angestammten Rechte der eigentlichen Einheimischen zu unterhöhlen. Wenn ein Volk, normalerweise Basis und Objekt von Herrschaft, sich am Staat vorbei zum Subjekt gegen seinesgleichen aufschwingt, in solch giftiger Stimmung seine Rechte in die eigene Hand nimmt und unter Mitbewohnern des gleichen Landstrichs Feinde ausmacht, denen man es zeigen will, dann wird es furchtbar, in Osch genauso wie in Hoyerswerda oder anderswo.


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Nachtrag zum besonderen Fall Kirgistan:

Kirgistan war bis 1991 eine der sechzehn Sowjetrepubliken und die erste, die ihren Austritt aus der Union der Sowjetrepubliken erklärt hat. Seitdem legt sich die kirgisische Regierung gehörig dafür ins Zeug, eine kirgisische nationale Identität bewusst zu erzeugen. Dazu gehört die Behauptung, dass eine kirgisische Nation eigentlich schon ewig existiert und jetzt endlich den ihr entsprechenden Staat bekommen hat, nachdem sie daran über Jahrhunderte hinweg be- und gehindert wurde. In diesem Sinne wird die gesamte Zeit der Zugehörigkeit dieser Region zum alten Zarenreich wie zur kommunistischen Sowjetunion ziemlich gleichermaßen als Unterdrückung des authentisch „Kirgisischen“ betrachtet. Die bisher allgemein verwendete russische Sprache wird zurückgedämmt und mehr und mehr durch das Kirgisische ersetzt, nationale Museen werden entsprechend umgestaltet und sollen die angeblich zweitausendjährige Geschichte der kirgisischen Nation und ihrer Leistungen bebildern.
Mit dieser Propaganda will der kirgisische Staat seine Unabhängigkeitserklärung legitimieren: er behauptet die Besonderheit seiner Nation gegenüber den anderen Nationen dieser Welt und leitet das aus einer entsprechend zurecht gedeuteten Geschichte ab. Nach innen schwört er die auf seinem Territorium ansässige Bevölkerung auf den Standpunkt ein, dass sie nun endlich die ihr entsprechende Herrschaft bekommt – womit rückwärts alle Unzufriedenheit mit den sowjetischen Lebensbedingungen verwandelt wird in eine Kritik an unguter Fremdherrschaft. Den Standpunkt, dass die Kirgisen heilfroh sein können, nun endlich in einem Staat der Kirgisen zu leben, befördert allerdings bei dem damit beglückten Staatsvolk durchaus einige unschöne Gehässigkeiten gegen Leute anderer ethnischer Herkunft. Auf dem Staatsgebiet Kirgistans leben neben den ethnischen Kirgisen eine ganze Reihe Usbeken (ca. 14%) und Russen (ca. 13 %) sowie sonstige kleinere Gruppen (Dunganen, Tadschiken, Kasachen, Tataren usw.). In der Sowjetzeit waren diese Völker programmatisch anerkannt worden und ihr Zusammenleben unter dem Dach der großen SU sollte endlich auf der Basis der Gleichberechtigung und in friedlichen Bahnen verlaufen. Damit haben sich die sowjetischen Kommunisten allerdings einen ziemlichen Widerspruch eingerichtet, der – neben anderen – am Ende zur Abspaltung der früheren Sowjetrepubliken führte:
„Die sozialistischen Staatsgründer Lenin und Mao wollten auch auf diesem Feld alles besser machen als die bürgerliche Welt. Sie wollten den hässlichen Gegensätzen zwischen Völkern und Ethnien sowohl zwischenstaatlich wie innerhalb eines Staatswesens den Boden entziehen. Für letzteres sollten einerseits die nötigen materiellen Voraussetzungen durch zivilisatorische und entwicklungspolitische Fortschritte sorgen. Diese waren – besonders auf dem Felde der Bildung – zugleich mit einer ideologischen Festlegung auf den neuen Staat verbunden. Die früher übliche Unterdrückung sollte andererseits einer neuen politischen Anerkennung der »nationalen Minderheiten« weichen. Mit all dem – so das politische Ideal – sollten die national-rassistischen Gehässigkeiten verschwinden und die Minderheiten konstruktiv und loyal in das neue Gemeinwesen eingebunden werden. Viele Völker mit ihren traditionellen Besonderheiten und in all ihrer bunten Vielfalt sollten das neue sozialistische Gemeinwesen verschönern und bereichern.
In westlichen Nationalstaaten war und ist es üblich, dieser Politik eine besondere Brutalität nachzusagen. Angeklagt wird, dass die sozialistischen Staaten damit versucht hätten, eine natürliche Lebensäußerung jedes Menschen, sein nationales Fühlen, zu eliminieren. Damit bekennen allerdings zunächst einmal nur diejenigen, die so reden, wie sehr sie den Fehler schätzen, dass Menschen sich nicht nur praktisch damit abfinden, in welches Staatswesen, in welche Nation es sie verschlägt, sondern dass sie sich damit auch noch willentlich identifizieren. Umgekehrt gelten in dieser Sichtweise zivilisatorische Leistungen aller Art als Unterdrückung eines »Ursprünglichen«. Daran, dass Nomadenkinder Lesen und Schreiben lernen, islamischen Clangesellschaften Zwangsverheiratung und brutale Unterdrückung ihrer Frauen verboten wird oder Jugendliche aus Kirgistan oder Tibet zum Studieren nach Leningrad bzw. Beijing geschickt werden, will man nichts entdecken können, was man als gesellschaftlichen Fortschritt oder Nutzen für die betroffenen Individuen würdigen könnte. In diesem Fall – ganz anders als bei den entsprechenden Akten von sprachlich-kultureller Vereinheitlichung, nationaler Integration oder politischer Zentralisation in den europäischen oder amerikanischen Staaten – will man ausdrücklich nur den schändlichen Willen eines Staats erkennen, der sein Volk nach seinen Vorstellungen formt, es für seine Interessen benutzt und ihm dafür seinen eigentlichen »authentischen« Willen abkauft.
Entgegen allen Vorwürfen seitens ihrer bürgerlichen Gegner war es allerdings leider nicht so, dass die sozialistischen Staaten im Sinne dieser Anklage schuldig sind. Sie haben das angeblich so natürliche »nationale Denken und Fühlen« weder bei ihren Minderheiten noch bei der Mehrheitsbevölkerung kritisiert und überwunden, weil sie das in einem so kategorischen Sinn auch gar nicht wollten. Mit ihrem Anspruch, als sozialistische die besseren Nationen zu sein, haben sich die kommunistischen Parteien vielmehr auch in dieser Sphäre einen bleibenden Widerspruch eingerichtet. Ihre sozialistischen Staaten haben sie einerseits unnational, im Namen von »Arbeitern und Bauern«, ins Leben gerufen; andererseits haben sie weder aufgehört, Nationen zu sein, noch wollten sie darauf verzichten, ihre Menschen im Namen eines Vaterlands, jetzt eben des Vaterlands aller Werktätigen, zu mobilisieren. Noch mehr als die Sowjetunion mit ihrer Konstruktion als »Union sozialistischer Sowjet (= Räte)republiken« hat die Volksrepublik China ihren sozialistischen Staat als Wiedergeburt der chinesischen Nation verstanden. Zudem haben die sozialistischen Staaten zwar versucht, ihre »nationalen Minderheiten« praktisch und geistig aus einigen vorgefundenen Abhängigkeitsverhältnissen zu befreien. Durch die gleichzeitig ausgesprochene politische Anerkennung ihres besonderen Status als nationale Minderheiten haben sie allerdings dem Standpunkt des überkommenen ethnischen oder religiösen Denkens, dem sie eigentlich den Boden entziehen wollten, seine Existenz belassen und ihn teilweise sogar befördert. Entgegen allen propagandistischen Beteuerungen von der »Lösung der Nationalitätenfrage« haben sie damit den Widerspruch in die Welt gesetzt, die nationale Idee eines Entsprechungsverhältnisses von Volk und Staat zu bekräftigen und gleichzeitig auf der Zugehörigkeit aller Völker auf ihrem Territorium zu ihrem Staatsvolk zu bestehen.“ (Zur Nationalitätenfrage in: China – Ein Lehrstück)

Seitdem der kirgisische Staat seine politische Unabhängigkeit errungen hat, geht es für die übergroße Mehrheit der Bevölkerung steil bergab. Mit der Auflösung des ökonomischen Zusammenhangs der alten Sowjetrepubliken (in dem das Bergland Kirgistan die Rolle eines Fleischlieferanten spielte und zudem eines der beliebten Urlaubs- und Freizeitländer war) werden ihre Lebensverhältnisse – euphemistisch gesagt! – auf breiter Front prekär; regelmäßige Einkommensquellen gibt es wenig, ein großer Teil des Volks ist zurückgefallen auf den Status von Nomaden, die sich mit Pferdezucht durchzuschlagen versuchen. Sippen- und Clanbeziehungen und der Zusammenhalt der Ethnien werden damit wieder zunehmend wichtig; inzwischen feiern für die Frauen Zwangsverheiratungen usw. fröhliche Wiederauferstehung.

„Nach Jahrzehnten dieser widernatürlichen Bremsung der Marktwirtschaft war es Anfang der 90er dann auch für die Kirgisen so weit: Befreit vom Zwang zur Kooperation durch die staatliche Planung konnten tatendurstige staatliche und private Aktivisten der neuen Art der Bereicherung endlich loslegen, ihre Republik in einen nationalen Kapitalismus umwidmen und polit-ökonomisch so gründlich aufmischen, dass von der früheren Produktion und Versorgung kaum etwas übrig geblieben ist.
Die überkommenen Ressourcen und produktiven Potenzen sollten der kirgisischen und den benachbarten neuen Nationen nun gute Dienste tun in der Konkurrenz um echten kapitalistischen Geldreichtum; die frisch eroberte, national ausschließende Verfügung über Teile der ehemals vergemeinschafteten Produktionsmittel gab den neuen Chefs die Macht und das gute Recht, ihre Nutzung durch die anderen nur gegen Zahlung von (Welt-)Geld zuzulassen – das sie sich allerdings alle erst noch verdienen wollten. So haben sie ein pur negatives, erpresserisches Nachbarschaftsverhältnis eingerichtet: Da liefern die einen, die nun exklusiv über die Ressourcen der kollektiven Energieversorgung verfügen, den lieben Nachbarn Strom oder Gas nur noch zu Marktpreisen oder eben nicht und legen den Abnehmer lahm, dem es an Zahlungsfähigkeit mangelt; die anderen schreiten zur Gegenerpressung, nutzen die Wasserressourcen, über die sie zufällig verfügen, zur Stromerzeugung rücksichtslos gegen den Bedarf der landwirtschaftlichen Bewässerung anderswo. Statt dem erstrebten Geldreichtum schreitet im Zuge dieser wechselseitigen Erpressungsmanöver nur der Ruin der materiellen Grundlagen der Produktion voran; bei denen, die – wie Kirgistan – weder Öl noch Gas in nennenswertem Umfang zu verkaufen haben, natürlich auch die Verschuldung. Die Instandhaltung der wasser- und energiewirtschaftlichen Einrichtungen ist darüber zum Problem geraten, und die Methoden der Geldbeschaffung von unten leisten auch ihren Beitrag zu dem Zerstörungswerk. Die kirgisische Agrarwirtschaft, für die mit Auflösung der Union und dem Aufbruch in die marktwirtschaftliche Freiheit Zulieferungen und Abnehmer entfallen sind, durfte sich gesundschrumpfen, ebenso wie das realsozialistische Kur- und Erholungssystem, dem die Gäste abhanden gekommen sind. So werden aus den ehemaligen Kolchos-Mitgliedern innerhalb weniger Jahre wieder „echte Kirgisen“, die zu ihrem Acker reiten, weil es keine Traktoren mehr gibt. Und die wieder wie „echte Nomaden“ in abgelegenen Berggegenden „ganz naturverbunden“, „den Jahreszeiten folgend“ ihr Vieh hüten. Die Erschließung Kirgistans durch ausländisches Kapital ist bis auf einige wenige Ausnahmen ausgeblieben, was eindeutig beweist, wie marode die dortigen Betriebe immer schon gewesen sein müssen und dass es keinen zu wundern braucht, wenn sie jetzt als Industrieruinen herumstehen. Aber es gibt natürlich auch Erfolge der marktwirtschaftlichen Wende: Eine kanadische Firma betreibt das wichtigste Unternehmen des Landes, die Goldmine Kumtor, und stiftet mit den Lizenzgebühren einen Großteil der kirgisischen Staatseinnahmen; die Billigkeit der Arbeitskräfte, vor allem aber die Lizenz zur rücksichtslosen Ruinierung des Tienschan-Gebirges, erlauben auf einer Höhe von fast 4000 m tatsächlich ein profitables Geschäft.
Der Rest der Nation kommt im Rahmen von Katastrophenmeldungen zur Sprache, wenn z.B. Untergliederungen der UNO die Ausdehnung von Tuberkulose und Analphabetismus oder Menschenrechtsverstöße beklagen, Kinder- und Häftlingsarbeit, ein Menschenhandel, bei dem u.a. Arbeitssklaven in die kasachische Wirtschaft verkauft werden. Auch für Umweltkatastrophen ist das Land geeignet: Experten warnen, dass Halden mit radioaktivem Abraum aus dem Uran-Abbau, für deren Unterhalt kein Geld vorhanden ist, durch Erdrutsche in Flüsse geraten und Zentralasien verseuchen könnten, und Regierungsstellen versuchen, internationale Gelder zu organisieren.“ (aus: Umsturz in Kirgistan, Gegenstandpunkt 2/05)
Die Krise ihres Gemeinwesens ebenso wie ihre beschissenen Lebensverhältnisse  - als wäre das ein und dasselbe -  legen die Leute einerseits ihrer Herrscherclique zur Last („Korruption“), vor allem aber den anderen Ethnien. Im Norden, der Hauptstadt Bischkek, hasst man die Russen, die dort als Abkömmlinge der alten Verwaltung, als Wissenschaftler usw. hängengeblieben sind. Im Süden hasst man die Usbeken, die Ackerbau und die Bazare betreiben und als reicher gelten als die „ehrlichen Kirgisen“. Und alle zusammen hassen die geschäftstüchtigen Chinesen, die inzwischen den Handel mit den Dingen des täglichen Bedarfs ziemlich komplett beherrschen. Insgesamt also eine tolle Tendenz zur Steigerung der Völkerverständigung.
 
Lesetipps:
• Das Volk – eine furchtbare Abstraktion. Gegenstandpunkt 1/06
• Zur Nationalitätenfrage in: Renate Dillmann, China – ein Lehrstück. –> Immer noch aktuell.
• Umsturz in Kirgistan, Gegenstandpunkt 2/05 –> Immer noch aktuell