
| Terror im Namen Allahs |
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Usama Bin Ladin
ist ein Feind Amerikas. Dazu bekennt er sich. Mit offen zur Schau gestellter Genugtuung über den Schlag, der die USA getroffen hat, teilt er der Welt mit, warum das nur gerecht ist: „Da ist Amerika, von Gott getroffen an einer seiner empfindlichsten Stellen. Seine größten Gebäude wurden zerstört. Gott sei Dank dafür... Was Amerika jetzt erfährt, ist unbedeutend im Vergleich zu dem, was wir seit etlichen Jahren erfahren. Unsere Gemeinschaft erfährt diese Erniedrigung und diese Entwürdigung seit mehr als 80 Jahren. Ihre Söhne werden getötet, ihr Blut wird vergossen, ihre Heiligtümer werden angegriffen, und niemand hört es und niemand nimmt Notiz... Während ich spreche, werden Millionen unschuldiger Kinder getötet. Sie werden im Irak getötet... Dieser Tage suchen israelische Panzer Palästina heim ... und wir hören niemanden, der seine Stimme erhebt oder sich einen Schritt bewegt. Wenn das Schwert niedergeht, nach 80 Jahren, richtet die Heuchelei ihr hässliches Haupt auf... Nach diesem Ereignis ... sind sie mit Macht mit ihren Männer angetreten und haben sogar die Länder, die zum Islam gehören, zu diesem Verrat bewogen... Als Menschen am Ende der Welt, in Japan, zu Hunderttausenden getötet wurden, Junge und Alte, wurde das nicht als Kriegsverbrechen betrachtet, sondern es gilt als etwas, das gerechtfertigt ist. Millionen Kinder im Irak, auch das ist etwas, das gerechtfertigt ist. Aber wenn sie Dutzende Menschen in Nairobi und Daressalam verlieren, wird Irak angegriffen und wird Afghanistan angegriffen... Diese Ereignisse haben die ganze Welt in zwei Lager geteilt: das Lager der Gläubigen und das Lager der Ungläubigen... Weder Amerika noch die Menschen die dort leben, werden von Sicherheit träumen, bevor wir diese in Palästina erleben und bevor alle ungläubigen Armeen das Land Mohammeds verlassen. Gott ist groß, möge der Stolz mit dem Islam sein. Möge Frieden und Gottes Gnade mit euch sein.“ (Auszüge aus dem Aufruf von Bin Ladin, FAZ, 9.10.) Der Mann denkt und argumentiert staatsmännisch, als stellvertretender Führer eines Herrschaftsanliegens, das er, wie jeder Politiker, für abgrundtief gerechtfertigt ansieht. Dass da ein überzeugter Nationalist unterwegs ist, kann nur übersehen, wer diesem Nationalismus theoretisch jede für politische Gemüter ansonsten nur allzu geläufige Berechtigung bestreiten will, weil die USA das praktisch tun. Der Mann versteht sich auf das bei Nationalisten übliche Aufrechnen von Opfern und weist darauf hin, dass, wenn man sich schon empören will, dann die Völker das Mitgefühl der Welt verdienen, die unter amerikanischer und israelischer Gewalt leiden. Er führt die Leistungen der Weltmacht Amerika und ihres Verbündeten Israel ins Feld: Zerstörung staatlicher Verhältnisse, militärische Gewalt, Flüchtlingselend: überall Opfer gewaltsamen amerikanischen Eingreifens sowie israelischen Staatsterrors. Diese Opfer bebildern die gute Sache, in deren Namen er sich aufstellt: Opfer sind sie in ihrer Eigenschaft als Angehörige einer sittlichen Gemeinschaft, in der alle Muslime unterschiedslos geeint sind, die in ihrem Glauben verbürgt ist und die nach politischer Verwirklichung verlangt. Das Wirken der amerikanischen Weltmacht erschließt sich Bin Ladin von einem Standpunkt, den er mit jedem unzufriedenen Nationalisten teilt: vom enttäuschten Anspruch auf eine eigene Herrschaft aus, der – wie immer bei überzeugten Anhängern eines ideellen oder wirklichen Staatsprogramms – nicht als solcher daherkommt, sondern als allerhöchstes Recht, als Verwirklichung einer gemeinsamen Staatsnatur der Beherrschten und als Dienst an Werten, die Volk und Führung einen und sie vorm Rest der Staatenwelt auszeichnen. Allerdings ist das politische Kollektiv, in dessen Namen er sich meldet, ideeller Art: Es ist die Idee einer eigentlichen islamischen Nation, die die konkurrierenden islamisch-arabischen Staaten umfasst, in der die Angehörigen der verschiedenen Staaten aufgehoben sind, in der also nicht nur, wie bei jeder nationalen Idee, die gesellschaftlichen Gegensätze sondern auch die politischen Gegensätze zwischen den verschiedenen Ländern verschwunden sind. Im religiösen Bekenntnis als dem einigenden Band über alle wirklich existierenden Gegensätze hinweg soll dieses nationale ‚wir‘ verbürgt sein. Dieses politische Bedürfnis nach einer ‚eigenen‘ islamischen Herrschaft, das nach Bin Ladins Auffassung im Kampf der Palästinenser gegen Israel ebenso seinen heroischen Ausdruck findet wie in den Leichen des amerikanischen Dauerkriegs gegen den Irak, sieht er durch Amerika verletzt und durch die arabischen Staaten, die sich berechnend an der Macht der USA ausrichten, verraten. Alles, was Amerika im Nahen und weiteren Osten an Machtansprüchen geltend macht, an geschäftlichen Interessen betätigt und zur strategischer Kontrolle des Öls unternimmt, ist so gesehen, ein einziger Anschlag gegen dieses fundamentale Recht auf Verwirklichung eines alle arabischen Moslems umfassenden politischen Wollens nach einer Herrschaft, die sie als die ihnen angemessene anerkennen können, die sich diesen Völkern und ihren moralischen, politischen und sozialen Belangen verpflichtet weiß, die deshalb diese Völker auch gerechterweise für ihre Herrschaftsinteressen beanspruchen kann. Als radikaler Anwalt eines machtvollen und respektierten Herrschaftsrechts, das in den von Amerika gewaltsam betreuten arabischen Staatsverhältnissen nicht zum Zuge kommt, stellt er nicht die Systemfrage, sondern die imperialistischen Machtverhältnisse in Frage und tritt gegen Amerika an. Die Auffassung, dass die arabischen Völker das gemeinsame Schicksal politischer Erniedrigung eint, teilt er mit vielen. Aber er belässt es nicht bei der Propagierung seiner politischen Idee, sondern setzt sich auch praktisch für das ein, was in seinen Augen eigentlich Pflicht der arabisch-islamischen Staaten ist: den Kampf gegen deren Feind, die Weltmacht Amerika, auf- und mit allen zur Verfügung stehenden Gewaltmitteln in die Hand zu nehmen. Weil die arabischen Führer in seinen Augen mehrheitlich versagen, organisiert er auf eigene Verantwortung die Gegenwehr gegen das Ursprungsland der ungerechten Verhältnisse. Dass es ihm dafür entscheidend an Macht fehlt, weiß er; dass er nicht ganz machtlos ist mit seinen opferbereiten Kämpfern, allerdings auch. Also versucht er, Fanale zu setzen. So stellt er sich auf mit der unerbittlichen Selbstgerechtigkeit eines überzeugten Nationalisten, der sich zur Gewalt gegen seine äußeren Gegner befugt sieht, weil er in deren Macht den Verstoß gegen seine eigene gute Sache ausgemacht hat. Für seinen Aufstand gegen Amerikas Weltordnung bringt er dieselben ‚Argumente‘ in Anschlag wie Amerika für deren Verteidigung: ein allerhöchstes nationales Recht, Gott und die Gewalt, zu der er fähig und willens ist: – Wo die USA den Nahen Osten als ihr strategisches Vorfeld und die dortigen Souveräne als Statthalter ihrer Interessen beanspruchen, stellt er der amerikanischen Weltmachtpolitik seine Idee einer islamischen Nation entgegen, die sich keinen auswärtigen Ansprüchen beugen muss, sondern souverän ihre eigenen berechtigten Interessen in der Welt vertritt. – Wo sich die USA als Hüter der Weltordnung die politische und militärische Kontrolle des wichtigsten Rohstoffs der Region vorbehalten, an dem das globale kapitalistische Geschäft hängt, beansprucht er diese Quellen als den ureigenen Besitzstand der arabischen Völker und bezichtigt Amerika des Raubs. – Wo die USA als Schutzmacht den Kampf des israelischen Staates gegen palästinensische Ansprüche auf ‚gelobtes jüdisches Land‘ unterstützen, hält er das Recht der Palästinenser auf ‚ihr eigenes Land‘ hoch. – Wo immer im Nahen und ferneren Osten die USA ihr Recht als Weltmacht geltend machen, beschuldigt er Amerika der Verletzung heiliger Rechte der Muslime. – Wo für die USA die ‚unschuldigen Opfer‘ das Verbrechen gegen das gute Amerika beweisen, das mit rücksichtsloser militärischer Gewalt bestraft werden muss, da beweist er mit den massenhaften Opfern amerikanischen Terrors die verbrecherische Absicht Amerikas, die Gemeinschaft der Muslime zu zerstören; wogegen mit aller Gewalt anzugehen, nur recht und billig ist. – Wo die USA mit ihren Weltmachtinteressen „die Grundwerte der Zivilisation“ verteidigen und im Namen „grenzenloser Gerechtigkeit“ bzw. „andauernder Freiheit“ einen „gerechten Krieg“ führen, da ruft er im Namen der mit Füßen getretenen islamischen Werte zum „heiligen Krieg“ gegen Amerika auf. – Wo die USA für die Durchsetzung ihrer Weltordnung alle zivilen und militärischen Potenzen ihres Staates zum Einsatz bringen, da besinnt er sich auf gewaltsame Gegenwehr, um seine Vorstellungen einer gerechten Weltordnung zur Geltung zu bringen. Dass seine Mittel denen Amerikas nicht gewachsen sind, macht den Unterschied zwischen Krieg und terroristischem Kriegsersatz aus. – Wo der US-Präsident den bedingungslosen Kampf Amerikas gegen seine Feinde im Namen des Allerhöchsten verkündet – „Jetzt werden die Taliban den Preis zahlen... Es gibt keinen Frieden in einer Welt, in der der Terror plötzlich ausbrechen kann. Angesichts der neuen Herausforderungen von heute ist der einzige Weg, Frieden zu suchen, die zu verfolgen, die ihn bedrohen... Wir verlangen denen, die unsere Uniform tragen, eine Menge ab. Wir verlangen von ihnen, sogar vorbereitet zu sein, mit ihrem Tod das letzte Opfer zu erbringen... Wir werden nicht wanken, wir werden nicht müde werden, wir werden nicht zögern, und wir werden nicht versagen. Frieden und Freiheit werden sich durchsetzen. Möge Gott Amerika weiter segnen.“ (FAZ vom selben Tage) –, da beruft er sich auf seinen Gott, der den erbarmungslosen Kampf gegen Amerika gutheißt und die aufopferungsvollen Kämpfer segnet. Wie das bei Kriegserklärungen so üblich ist. Freilich, der alles entscheidenden Unterschied zwischen ihm und Bush bleibt bestehen. Der eine ist Präsident einer Weltmacht und verfügt damit über die Gewalt, die aus den Rechtsansprüchen gegenüber der Staatenwelt eine anerkannte Weltordnung macht; er aber hat für seine beanspruchten nationalen Rechte nichts hinter sich außer seinen paar Kämpfern und der machtlosen Duldung durch die Taliban. Aus: Amerikas Feinde, Gegenstandpunkt 4/01 |


