Fußball-Fieber PDF Drucken E-Mail
Wenn Nationen Tore schießen...
Wenn Podolski, Kaka oder Ronaldo ein Tor schießen, steigt weder das Bruttoinlandsprodukt noch der außenpolitische Einfluss des Landes. Belanglos sind die Ergebnisse der Nationalkicker deswegen noch lange nicht. Während der WM herrscht Ausnahmezustand: Wildfremde Menschen, die sich sonst eher misstrauisch begegnen, liegen sich beim Public Viewing betrunken in den Armen; Fabrikbesitzer, die normalerweise um jede Sekunde Arbeitszeit feilschen, halten die Fließbänder an, damit ihre Arbeiter den Nationalhelden die Daumen drücken können; Lehrer, die ansonsten jede Fehlstunde penibel ins Klassenbuch eintragen, schicken die Schüler auch schon mal nach Hause; die Herrschenden unterbrechen beim G20-Gipfel pünktlich zum Spiel ihre Sitzung und die Sprecher von Tagesschau und „heute“ widmen ohne Weiteres die Hälfte ihrer Sendeminuten Berichten über die Taten der deutschen Mannschaft.
Eine Fußball-Weltmeisterschaft ist also etwas anderes und viel mehr als sommerliches Gekicke von ein paar mehr oder weniger guten Balltretern. Sie hat den Charakter einer regelrechten Staatsaffäre, die alle irgendwie angeht. Und angehen soll: Presse und Fernsehen tun ihr Bestes, um das Publikum auf diesen Standpunkt zu verpflichten, indem sie ihn in x Varianten als völlig natürliches Verhalten darstellen: „Alle feiern begeistert mit.“  „Das ganze Revier ist aus dem Häuschen.“  „Tolle Stimmung“ usw. – wer da nicht mitmacht, ist also ein komischer Außenseiter, der keinen Spaß versteht. Und tatsächlich machen auch (fast) alle mit. Ganze Straßenzüge sind in schwarz-rot-gold geflaggt, Muttis, die sich ihr Leben lang noch nie für Fußball interessiert haben, finden die Spiele der deutschen Mannschaft spannend und die Jugend hat seit dem „deutschen Sommermärchen“ von 2006 einen neuen Hype entdeckt: Nach der Lena-Party von neulich amüsiert sie sich wie damals damit, die Siege von Lahm & Co. zu feiern und darauf einen zu saufen.
Nochmal: Worum geht es bei der WM und diesem Drumherum? „Es geht um Fußball, also um die Nation“, schreibt der Spiegel – und tut so, als sei das „also“ völlig logisch. Das Magazin für die Durchblicker weiß mal wieder, wie der Hase läuft: Sport wird hergenommen, um nationales Identitätsgefühl zu erzeugen – und findet das völlig in Ordnung! Denn an etwas orientieren, mit etwas identifizieren, das brauchen die Massen nun mal, insbesondere in „schweren Zeiten“. Warum sie das brauchen und was es ihnen eigentlich nutzt in ihren „schweren Zeiten“ – diese Frage soll genau so wenig aufkommen wie die: Was ist das eigentlich, die Nation? Denn auch da ist alles längst klar: Alle Menschen haben eine und es ist eine Art natürliches Lebensgefühl aller Menschen, sich in ihrer nationalen Gemeinschaft aufgehoben zu fühlen. Bumms. Aus! Mehr gibt es da nicht zu fragen!
Dass die Nation eine ziemlich eigenartige Gemeinschaft ist; dass sie ihren Kern in der politischen Zwangsgemeinschaft hat, die der Staat mit seiner Gewalt über Land und Leute herstellt; dass sie ökonomisch eine Gemeinschaft ist, die durch Konkurrenz und Klassengegensätze gekennzeichnet ist; dass das Gemeinschaftsgefühl eines ist, dass von allen materiellen und herrschaftsmäßigen Gegensätzen absieht und hinsieht auf den Erfolg des „großen Ganzen“, von dem jeder einzelne abhängig (gemacht) ist – diese ganze Palette von Gewalt und Opportunismus ist unterstellt und abgehakt, wenn sich ein nationales Kollektiv dann auch noch die höheren Weihen verleiht und sich – in Gestalt seines neuen Bundespräsidenten, in seiner Kultur oder mit seinen sportlichen Leistungen – feiert.    
In der Unterstützung der eigenen Mannschaft zelebrieren dann Arme und Reiche, Mächtige und Einflusslose, Volk und Regierung über alle Gegensätze hinweg ihre verlogene Verbrüderung. Was  ihren jeweiligen Alltag bestimmt – ob sie sich als Hartzer durchs Leben schlagen oder diesen gerade das Leben schwer machen – das lassen sie einfach hinter sich und fingieren eine Identität, die sich dementsprechend abstrakt verwirklicht: im tatkräftigen, nämlich vor allem lautstarken Mitfiebern mit der deutschen Elf.
Und alle Welt ist sturzzufrieden mit dieser Funktion, die der Sport für die Gemütslage des Volks hat. Ab und an wird schon davon geredet, dass der Fußball heute das „Opium des Volks“ sei ...

PS: In Frankreich ist das Ausscheiden der „Equipe tricolore“ ganz buchstäblich zur Staatsaffäre geworden. Einer Nation, die im Bewusstsein ihres Rechts auf den Meister-Titel das Turnier verfolgt, vergeht offenbar der Spaß, wenn die eigene Mannschaft „bereits“ in der Vorrunde ausscheidet. Weil sie die sportliche Konkurrenz mit dem Anspruch verknüpft hat, in ihr den Beweis auch ihrer sonstigen Erstklassigkeit im Konzert der Nationen zu erbringen, ist das Ergebnis für sie eine Blamage. Prompt gerät der Auftritt der Spieler neben dem Platz zum Fehltritt: Gestern noch als „Symbol eines geglückten multikulturellen Gesellschaftsmodells“ (Spiegel) gefeiert, heute als „kickende Negertruppe“ (Le Pen) beschimpft. Wenn schon die Spielstärke der eigenen Elf für glorreiche Siege nicht ausreicht, hat die mitfiebernde Nation zumindest das Recht auf einen aufopferungsvollen Kampf. Sportministerin Roselyn Bachelot führt im Auftrag von Staatspräsident Nicolas Sarkozy ein Krisengespräch mit Spielern und Trainer. Danach griff sie die Mannschaft genauso wie andere Politiker scharf an: „Es ist ein moralisches Desaster für den französischen Fußball. Die Spieler haben das Image Frankreichs angekratzt. Sie können nicht länger die Helden unserer Kinder sein.“ Bachelot forderte die Profis in einer Stellungnahme dazu auf, „den guten Namen des französischen Teams wiederherzustellen“. Sarkozy zitiert Kapitän Thierry Henry in den Präsidentenpalast, um sich das katastrophale Abschneiden der französischen Nationalmannschaft erklären zu  lassen. Ein Land schämt sich für seine Mannschaft, die vor den Augen der Welt die Vortrefflichkeit des nationalen Kollektivs demonstrieren sollte und darin versagt hat.

Lesetipp:
• Stichwort: Nation