Nach der WM ist vor der neuen Bundesliga-Saison PDF Drucken E-Mail
Der Fußballfan ...
... ist nicht einfach ein leidenschaftlicher Anhänger einer Sportart. Wäre er das, so würde er das Gekicke aus Interesse an tollen Kombinationen, Dribblings und Torschüssen betrachten.
Und wegen der Begeisterung und Spannung, die zustande kommen, wenn sich zwei gute Teams im Wettkampfspiel messen. Fußballfans genießen und beurteilen etwas Anderes. Sie sagen nach einem Sieg des von ihnen unterstützen Teams Sätze wie: „War zwar ein Grottenkick – aber Hauptsache, drei Punkte geholt!“ Und nach einem schönen Spiel, das mit einer Niederlage endet, schimpfen sie: „Mist, in Schönheit gestorben, brotlose Kunst!“ Fußballfans gehen nämlich von vornherein davon aus, dass ein bestimmter, nämlich „ihr“ Verein zu gewinnen hat. Dessen Recht auf Erfolg machen sie erst einmal unabhängig von allen dargebotenen Leistungen geltend. Umgekehrt wenden sie sich natürlich nicht einfach ab und suchen sich den nächstbesten Club aus, wenn ihre Mannschaft Niederlagen kassiert oder gar absteigt – das wäre ja so ungefähr das Gegenteil eines Fans. Nein, sie halten ihrem Verein die Treue und gehen mit ihm durch dick und dünn, auch dann, wenn das aus guten Grund wesentlich bescheidener formulierte Motto „wir sind unabsteigbar“ wieder einmal praktisch widerlegt wird.

Der Stolz der Fans
Wichtig ist einem beträchtlichen Teil von ihnen vor allem der persönliche Einsatz für „ihre“ Mannschaft. Sie legen Wert auf die Demonstration bedingungsloser Parteilichkeit, die sie gern der Außenwelt unter die Nase reiben – etwa indem sie stundenlang vor dem Spiel im Vereinstrikot gewandet die Fußgängerzone mit ihren Sprechchören nerven. Was in anderen Zusammenhängen als eher peinlich empfunden würde, lautstarkes öffentliches Bekenntnis zur Freundin oder zu seinem Lieblingshaustier, einem Fußballfan kommt es auf solche Art von Betätigungen schwer an.
Die Frage, was an dem bestimmten und frei gewählten Objekt seiner Begeisterung – Schalke, Bayern, St. Pauli usw. – denn so Tolles sein soll, ist für einen echten Anhänger keine. Er hat sie längst beantwortet, einfach durch seine Entscheidung, es mit einem bestimmten Kollektiv von Gleichgesinnten halten zu wollen. Dieser Entschluss ist absolut willkürlich, oft beeinflusst durch den Wohnort und ähnlich zufällige Umstände. Und diese Parteilichkeit hat für sich gesehen auch gar keinen positiven Gehalt. Den Anschein davon bekommt die Entscheidung erst dadurch, dass es andere gibt, von denen man sich abhebt. Dann solidarisieren sich der Unternehmer, der Azubi aus der Lehrwerkstatt und der Berufsschullehrer – Leute, die ansonsten einiges an Konkurrenz und Gegensätzen austragen – und sind: „Wir Schalker“. Abgrenzung zu, Vergleich mit, Verachtung für „die anderen“ – in nichts als solchen Negationen besteht der „Stolz“, einem besonderen Fan-Kollektiv anzugehören.

„Mit etwas muss man sich doch identifizieren“
Das würde sich natürlich keiner sagen lassen. Im Gegenteil, jeder Fan kennt tausend Gründe, warum sein Verein „der beste“ ist, dem Erfolg und seine höchstpersönliche Treue zu Recht gebühren: „Wir sind schon immer der Verein der Malocher im Revier, keine arroganten Geldsäcke!“ Damit richtet man sich dann gegen ein etwas anders gestricktes Credo wie: „Mia san mia! Keiner hat so viele Titel wie wir!“ Oder gegen die Selbstdarstellung: „Wir sind kein Bonzenklub, bei dem das große Geld regiert, wir sind der alternative Kultverein!“ Die Charakterisierungen, die man für den eigenen Verein ins Feld führt, stammen auf die eine oder andere Art aus dem Schatzkästlein der dummen Sprüche, mit denen die bürgerliche Konkurrenzmoral operiert. Da heiligt der Erfolg einerseits die Mittel, andererseits ist er eben nicht alles. In Anstand zusammenhalten, selbst wenn nichts klappt, ist auch was wert. Tugenden wie Ehrlichkeit, Heimatliebe und Treue werden deshalb genauso gefeiert wie Coolness, Schlauheit und geschickte Fouls, mit denen man den Gegner fertig macht.
Gemeinsam ist also allen Fan-Gemeinschaften die Berufung auf etwas „Höheres“, das sie ideell eint und zu einem moralisch guten Kollektiv erhebt. Daran ist bemerkenswert, welchen Rückschluss auf ihr sonstiges Leben dieses Bedürfnis offenbart.
• Wer meint, dass er seinem Leben einen Sinn verleihen muss, indem er sich mit allem Einsatz von Zeit, Geld und Energie für „seine Jungs“ in die Bresche wirft, der wird das schon aus irgendeinem Grund nötig haben – sein sonstiges Leben, in dem er seine Zeit im Dienst an fremden Zwecken verbringt, hat diese Befriedigung offenbar nicht im Programm. Seinen gesamten sonstigen Alltag, Arbeit und Familie, degradiert ein richtiger Fan schließlich ganz cool zur zweitrangigen Nebensache. Für ihn fängt sein richtiges Leben erst am Samstag an, wenn es mit den Kumpels „auf Schalke“ geht oder man mit wehenden Schals im Opel-Astra der Mannschaft zum Auswärtsspiel hinterherjagt. Warum es eigentlich so ist (oder sein muss), dass die gesamte Woche unter „ferner liefen“ zu verbuchen ist, warum sein „Werktag“ so viel Zeit und Energie kostet, warum auch das familiäre Privatleben auf Dauer eher stressig ausfällt als dass es Spaß macht – all das ist als gegeben abgehakt und kein weiteres Nachdenken wert.      
• Wer sich am Wochenende ein Gemeinschaftserlebnis sucht, findet in seinem Alltag anscheinend nicht viel an freundschaftlichem und solidarischem Umgang. Diesen einfachen Rückschluss auf die praktisch gut bekannten Phänomene „unserer Leistungsgesellschaft“ will der Fußballfan natürlich nicht ziehen: dass es die auf allen Ebenen als Konkurrenz um Einkommen, Jobs, Karrieren, Einfluss usw. organisierte Art und Weise der hiesigen kapitalistischen Gesellschaft ist, die das Verhältnis zwischen den Menschen so ungemütlich macht. Statt dessen lebt er  das Bedürfnis nach Gemeinschaft, das bei ihm „trotzdem“ aufkommt, als Fan auf eine denkbar abstrakte, irrationale und unsympathische Art aus: Er sieht von allen gewussten Gegensätzen zu seinen Mitmenschen ab, steigert sich bewusst in einen emotionalen Rauschzustand hinein, in dem er selbst nur als bedingungsloser Parteigänger eines Haufens von professionellen Balltretern vorkommt und posaunt das lauthals gegen andere Wahnsinnige dergleichen Art heraus.
• Natürlich ist klar: Die ideale Gemeinschaft, die sich die Fans auf diese Art und Weise als eine zurechtkonstruieren, auf das es doch ankommen müsste, gibt es in der Wirklichkeit nicht – weder beim Traditionsklub noch sonst wo. Das macht die Fans aber nicht weiter irre, statt dessen machen sie ihre Vorstellung kritisch gegen das real existierende Objekt ihrer Identifikationssehnsüchte geltend: Für sie denken außer ihnen, den wahrhaft treuen und selbstlosen Fans, alle anderen am großen Spiel Beteiligten mal wieder nur an sich selbst, Fußball ist heute „nur“ noch ein Geschäft und die Elf auf dem Rasen sind keine „Freunde“, sondern eiskalte Abkassierer, am Ende instrumentalisieren Prominente und Politiker die ganze Veranstaltung noch für sich und ihre Imagepflege – so kann man mit aller Enttäuschung und lauter an der Sache komplett vorbeigehenden Vorwürfen stur an der eigenen Vorstellung festhalten, wie es „eigentlich“ doch sein müsste.

Eine Frage der Ehre
Im Unterschied zu Menschen, die ähnliche Vorstellungen von einem Sinn, den ihr Leben braucht, und dem Charme einer „echten“ Gemeinschaft suchen, indem sie sich selbst als Sportler oder Vereinsmeier betätigen, delegieren Fußballfans das an ihre Mannschaften, die sozusagen stellvertretend für sie aktiv sind. Sie begnügen sich insofern einerseits mit der Rolle des unverwüstlichen und durch nichts zu erschütternden Anhängers. Andererseits legen sie in dieses Verhältnis nichts weniger als ihre Ehre. Sie erklären die Banalität, sich für einen Sportverein mit seinem Auf und Ab zu interessieren, zum A und O ihrer Person. Das hat für sie selbst ganz interessante Folgen: Freud und Leid ihres Lebens hängt für sie nämlich jetzt tatsächlich in erklecklichem Maß davon ab, was der von ihnen auserkorene Haufen da unten auf der grünen Wiese zustande bringt. Anders gesagt: Fußballfans suchen sich das Objekt ihrer Leidenschaft frei aus – darin liegt tatsächlich ein gewisser Unterschied zu nationalen Sportveranstaltungen, in denen das Kollektiv, in das die Staatsgewalt die auf ihrem Territorium Lebenden zwangs-eingemeindet, ideologisch überhöht und gefeiert wird.  Diese freihändige Entscheidung praktizieren sie dann allerdings mit allem Ernst dieser Welt. Und für die so gelebte Vorstellung von sich selbst und der moralisch überlegenen Qualität ihres Vereins fordern sie dann auch Anerkennung vom Rest der Welt, vor allem zunächst einmal von den rivalisierenden Fans, deren Beleidigungen man sich nicht gefallen lassen will. Keine Frage, dass mangelnde Anerkennung und verletzte Vereinsehre dann notfalls auch mit Fäusten wiederhergestellt werden müssen, weshalb die Polizei immer viel aufzupassen hat. Mit Abschreckung, Kontrolle und Erziehung – kein Bundesligaverein ohne Fanklubwesen und offizielle „Fanbeauftragten“ – ist jedoch das berüchtigte „Hooligan“-Wesen im Laufe der letzten Jahre etwas aus der Mode gekommen und eher den 3. oder 4. Ligen zwischen Leipzig und Rostock vorbehalten. Statt sich in „Mobs“ zu gepflegten Massenschlägereien zu treffen, konkurrieren Fangemeinschaften heutzutage bevorzugt um die gelungenste Selbst-Inszenierung: Wer hat die tollsten Anfeuerungsrufe, wer schmäht den Gegner am witzigsten, wo herrscht die beste Stimmung! Fans nehmen sich inzwischen den Stadionbesuch als „Event“ vor, bei dem sie sich an ihrer eigenen Begeisterung so berauschen wollen, dass sie auch durch das mieseste Gekicke nicht von ihrer Leidenschaft abzubringen sind – und damit dem Rest der Welt Respekt für sich abnötigen.

Klar, dass sich echte Anhänger dann einbilden, für diese Unterstützung sei ihnen „ihre“ Mannschaft etwas schuldig – oder diese sollte wenigstens so tun, als ob: „Wir wolln euch kämpfen sehn!“ Inzwischen findet die entscheidende ideelle Anerkennung für „die besten Fans der Welt“ – und das sind natürlich alle! – jedoch durch eine ihnen wohlwollend gesonnene Öffentlichkeit statt. Prominente Volkserzieher, erst recht in der Sportschau, sogar in SZ, FAZ usw. würdigen die„sympathische Fankultur“ bei jeder Gelegenheit, sie haben deren Produktivkraft längst entdeckt. Und das nicht nur, weil der Profifußball ein wichtiger Umsatzträger der Unterhaltungs- und (Werbe-) Industrie geworden ist. Öffentlichkeit und Staat fördern das Fußballwesen verstärkt als einen „Zuschauersport“, der sich prima als Volksvergnügen eignet. Denn für sehr viele, insbesondere jüngere Bürger, gehört das Mitfiebern beim lokalen Verein einfach dazu – und dieses Gefühl heimatlicher Verbundenheit mit der Region und, auf höherer Ebene, dem nationalen Kollektiv, schätzt die herrschende Klasse selbstverständlich und unterstützt es insofern gern.

Was selbst bei den hartgesottensten „Ultras“ auf fruchtbaren Boden fällt: Zu besonderen Anlässen ruht nämlich die sonst übliche Fan-Rivalität. Bei Länderspielen, erst recht bei der WM, kennen „wir“ keine Schalker, Borussen oder Bayern! Da sind „wir alle“ zusammen Fans der deutschen Nationalmannschaft. Und das war schon immer so.