
| Lehrstück Arbeitsplatz |
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Die Krise kommt bei Opel an Die Opel GmbH ist in der Krise. Absatzzahlen sind eingebrochen, der Muttergesellschaft GM droht vielleicht sogar die endgültige Pleite. Deshalb hat Opel in Deutschland Staat und Länder um Bürgschaften und andere Hilfen gebeten. Allen Beteiligten ist schon jetzt klar, dass die Rettungsmaßnahmen für Opel Konsequenzen für die Belegschaft mit sich bringen – und zwar keine angenehmen. Woher wissen das eigentlich alle – möglicherweise sogar bevor irgendein konkreter Plan öffentlich wird? Das wissen alle aus ihrer kapitalistischen Lebenserfahrung: Die „abhängig Beschäftigten“ heißen schließlich so, weil sie abhängig sind vom Erfolg ihrer Firma. Diese Abhängigkeit bekommen sie ständig zu spüren. Wieviele Arbeitsplätze es bei Opel gibt, ob Neueinstellungen vorgenommen, Überstunden bzw. Kurzarbeit angesagt oder Kündigungen ausgesprochen werden, richtet sich ganz danach: dem „Gang der Geschäfte“. Wenn es dem Betrieb schlecht geht – wie jetzt in der Krise –, dann geht es auch den Arbeitern und Angestellten schlecht, weil sie ihren Job und damit ihr Einkommen verlieren oder (im günstigen Fall) Lohneinbußen hinzunehmen haben. Sich deshalb Sorgen um Opel zu machen und für die Rettung des Unternehmens einzutreten, weil man von ihm abhängig ist, ist jedoch ein Fehler. • Zunächst einmal: Die umgekehrte Gleichung – geht es Opel gut, geht es auch seinen Arbeitern gut –, ist sowieso noch nie aufgegangen. Dass ein Unternehmen in Jahren fetter schwarzer Zahlen freiwillig die Löhne mal so richtig dick erhöht, mehr Leute einstellt, damit die Arbeiter, die sich für den Erfolg krumm gelegt haben, es gemütlicher angehen lassen können – solche Nachrichten gibt es aus den Konzernzentralen nie. Eher die dauernde Ansage, dass man den erreichten Stand durch mehr Anstrengungen im nächsten Jahr erhalten muss, weshalb die Löhne auf alle Fälle niedrig bleiben und die Zahl der Arbeiter gesenkt werden muss... • Als nächstes: Gut geht es dem Geschäft von Opel nicht unbedingt, wenn es viele Autos verkauft. Gut geht es Opel, wenn der Verkauf eines Autos viel Gewinn bringt und das hängt davon ab, wie hoch die Kosten im Verhältnis zum Verkaufspreis der Autos sind. Als ein Teil dieser Kosten gehen die Löhne der Belegschaft in diese Rechnung ein. Ihre Billigkeit ist also die Grundlage für geringe Kosten und damit für einen hohen Überschuss. Niedrig sind die Kosten auch dann, wenn mit möglichst wenig Beschäftigten eine möglichst große Anzahl an Autos hergestellt werden können. Das führt zu permanenten Veränderungen am Arbeitsplatz und zur ständigen Steigerung der Arbeitsbelastungen, die Arbeiter und Angestellte zu spüren bekommen. • Schließlich: Das schönste Auto und Billigkeit sowie Willigkeit der Arbeitnehmer ist nichts wert, wenn – wie jetzt – die Autos unverkäuflich sind, weil alle Autofirmen das Gleiche gemacht haben: Alle haben ihre Produktion gesteigert und rationalisiert, um mit immer weniger Mitarbeitern immer mehr Autos herzustellen. Wenn das eingetreten ist, die produzierten Autos nicht abgesetzt werden können, werden diese natürlich nicht verschenkt, sondern landen auf Halde und die „lieben Mitarbeiter“ werden erst in Urlaub und dann eventuell zum Arbeitsamt geschickt. Die verbleibenden Arbeiter dürfen dann für noch weniger Geld mit noch mehr Anstrengung mehr Autos herstellen. Das alles kennen die Opelaner übrigens zur Genüge. Mit genau diesen Verfahren hat Opel in den letzten Jahren immer wieder seine Unzufriedenheit mit den laufenden Geschäften bewältigt und sich in die Gewinnzone katapultiert. Genau dasselbe sieht für die Opel-Arbeiter ein wenig anders aus: Mit seiner Erfolgsstrategie brockt Opel ihnen nämlich eine Art Dauerkrise ein. Erstens ist ihre Existenz dauerhaft unsicher – keiner hat es in der Hand, wie sein Arbeitsplatz morgen aussieht und ob er ihn überhaupt noch „hat“. Und zweitens findet jeder eigentlich immer Finanzkrise bei sich im Portemonnaie vor. Sein Lohn richtet sich ja kein bisschen danach, was er zum Leben braucht, sondern was die Firma ihm zugesteht, damit sie einen möglichst großen Gewinn mit seiner Arbeit erzielen kann. Im Unterschied zu anderen Wirtschaftssubjekten können die Arbeiter allerdings nicht darauf hoffen, dass ihre Krise irgendwen alarmiert und zu Rettungsaktionen nötigt. Ein Opel-Arbeiter kann nicht zu seinem Vermieter gehen und seine Krise geltend machen, um die Miete zu senken. Seine Not zieht da ebenso wenig wie bei Lidl oder Rewe. An deren Preisen kann er nichts ändern – sehr im Gegensatz zu den Preisen für seine Arbeit, an denen Opel ständig dreht.
Die Krise – ein neues Argument für dasselbe Spiel Schon in Zeiten „normaler Konjunktur“ zeigt sich also dauernd, was für ein Mist es ist, wenn man seinen Lebensunterhalt in einem kapitalistischen Unternehmen verdienen muss: Nichts daran ist sicher, so dass man sein Leben ein bisschen planen kann. Alle Nase lang steht der Lohn in Frage, kommen Verschlechterungen ins Gespräch, damit der Betrieb mit seinen Notwendigkeiten zu Potte kommt. Und all die technischen Errungenschaften, die Opel sich zulegt, sorgen nicht dafür, dass die Arbeit kürzer und spürbar angenehmer wird – was an schwerer körperlicher Anstrengung erleichtert wird, wird durch einseitige Belastung und Stress ersetzt. Jetzt aber „ist Krise“ – und die will Opel dadurch bewältigen, dass es eine neue Runde von Zumutungen bei der Belegschaft durchsetzt. So ist z.B. im Gespräch, dass es eine 30-Stunden-Woche für die Opelaner geben soll. Ein paar Stunden Freizeit mehr hätte sicher jeder gerne – nur darum geht es nicht. Die Senkung der Arbeitszeit findet statt zur weiteren Senkung der Lohnkosten. Wie selbstverständlich erklärt dieser Vorschlag einen Teil des notwendigen Lebensunterhaltes der Belegschaft einfach zum Luxus, den man jetzt streichen kann und muss, weil der Betrieb in Not ist. Die Belegschaft wird als das behandelt, was sie ist, ein Anhängsel des Betriebs, über das Opel frei verfügt. Für Opel ist diese Abhängigkeit ein Mittel: Dass die Leute lebensnotwendig auf einen Arbeitsplatz angewiesen sind, benutzt die Firma permanent, um sie zu erpressen, um das Verhältnis von Lohn und Leistung so einzurichten, dass es sich für ihre Gewinnproduktion lohnt. In der Krise will sie damit vor allem eines hinkriegen: Im Unterschied zur Konkurrenz überleben – dafür sollen sich die Arbeiter alle notwendigen Maßnahmen auf ihre Kosten gefallen lassen. Nicht erst daran stellt sich für die Arbeiter heraus: Ihr Arbeitsplatz ist das einzige, was sie „haben“ – und genau deswegen alles andere als ihr Mittel. Diese Lehre könnte man auch aus den Kämpfen der letzten Jahre ziehen, in denen die Belegschaft immer wieder harte Einschnitte hingenommen hat, um ihre Arbeitsplätze langfristig zu sichern. Das hat sie jede Menge extra-tariflicher Leistungen gekostet und ihr längere Arbeitszeiten, weniger Pausen und härtere Leistungsanforderungen eingebracht. Das dafür gegebene Versprechen ist eine ziemlich windige Sache: Wenn die Bilanz des Betriebes nicht stimmt, ist es nämlich (wie jetzt) nichts wert – das nächste Arbeitssicherungs- oder Krisenbewältigungsprogramm steht an. Übrigens: Einen staatlichen „Schutzschild“ für Arbeitnehmer in der Krise gibt es auch schon! Der muss gar nicht erst eingerichtet oder gefordert werden: Die Agentur für Arbeit, früher Arbeitslosenversicherung, erwartet mit ihren Serviceleistungen alle die, bei denen das Arbeitsplatzversprechen von Opel nicht so ganz gegriffen hat ... |

