Notenbanken dürfen jetzt keine Fehler machen Drucken E-Mail

Kritische Wirtschaftsjournalisten fordern entschieden:

Notenbanken dürfen jetzt keine Fehler machen!

Dass der Kapitalismus, dessen weltweite Herrschaft sie uneingeschränkt bejahen, lauter Widersprüche hervorbringt, sie sprechen dann in ihrer Bildersprache verständnisinnig von „volkswirtschaftlichen Verwerfungen“, ist den Profi-Beobachtern und –begutachtern völlig klar und kein Problem. `So ist das halt!´, lautet ihr lakonisches Credo dazu.

Im Moment, ein gutes Jahr nach den schlimmsten Werte-Vernichtungen der Finanzkrise, sehen sie stirnrunzelnd, wie Banken mittels der massenhaft und billigst zur Verfügung gestellten Zentralbankgelder neue Geschäfte anzetteln, die sie reicher machen; Geschäfte allerdings, die wenig mit dem zu tun haben, wofür diese Banken nach einer von allen geteilten Lesart mit Staatsknete gerettet werden mussten. Eine „Versorgung“ der Wirtschaft mit Krediten zum Wohle letztlich auch der Witwen und Waisen ist im Moment weniger zu konstatieren, eher eine „Kreditklemme“, weil Banken auf diesem Feld in der Krise eher Risiken und wenig Verdienstmöglichkeiten wittern. Stattdessen machen sie dort Milliardengewinne, wo es sich lohnt: Im Geschäft mit Anleihen für Unternehmen wie vor allem für die sich hoch verschuldenden Staaten, an Rohstoff- oder Aktienmärkten, im Ausnutzen von internationalen Zinsniveauunterschieden oder von Wechselkursveränderungen usf. Journalisten, die die gerade abzuwickelnde Krise ein wenig erschreckt hat, wittern überall dort, wo mit dem billigen Notenbankgeld, so sehen die das, neue Finanzinvestitionen vorgenommen werden, um schnell die eigene Verschuldung (auch beim Staat) wieder loszuwerden und in der Konkurrenz der Geldhäuser um das Wachstum des Bankenprofits und des Bankenkapitals zu punkten, neue Krisengefahren. In ihrer Bildersprache droht überall die Bildung neuer „Blasen“, die jederzeit „platzen“ könnten, also neues Chaos, wo die alten Wunden noch gar nicht richtig geleckt sind. Und außerdem malen sie die Gefahr einer gewaltigen Inflation an die Wand, falls das viele Geld demnächst mal auf die Gütermärkte losgehen sollte.

Zwei Zitate mögen zeigen, welche Ratschläge diese Experten in solch einer Lage für die Notenbanken parat haben. 

„Amerikas Notenbank scheint nicht von ihrem extrem expansiven Kurs abrücken zu wollen. Dank Zinsen zum Nulltarif gibt es dort, um im Händlerjargon zu sprechen, `Money for Nothing´. Durch eine mehr als nur lockere Geldpolitik sind der Dollar und auch das Pfund zu begehrten Währungen für `Carry Trades´ geworden. In großem Stil verschulden sich institutionelle Anleger aus der ganzen Welt in Dollar und legen das Geld höher verzinslich in Euro oder anderweitig an. Sie streichen die Zinsdifferenz ein und profitieren zudem vom billiger werdenden Dollar. So macht man Geld aus Nichts – bis die Blase platzt. Nouriel Roubini, der wegen seiner Warnung vor der Kreditblase berühmt gewordene Ökonom, spricht bereits von der `Mutter aller Carry Trades´ und sieht Geldpolitiker am Werk, die eine `Monsterblase´ erschaffen.“ (Holger Steltzner in der FAZ vom 14.11.09) 

„Bisher hat es die Europäische Zentralbank abgelehnt, nur wegen des Verdachts auf eine Blase hin eine straffere Geldpolitik anzuwenden. Fachleute nennen diese Möglichkeit `Leaning against the wind´, also ein Stemmen gegen den Wind. Höhere Zinsen bedeuten stets einen Dämpfer für Konjunktur und Wachstum. Nach einer großen Krise, die noch nicht einmal überstanden ist, scheinen sie doppelt riskant. Die Europäische Zentralbank muss abwägen, ob die Folgen einer Blase nicht noch riskanter sind.“ (Helga Einecke in der SZ vom 30.11.09) 

Dass bürgerliche Staaten alle Welt von der Freiheit des unternehmerischen Handelns abhängig machen, sich selbst inbegriffen, weil so und nur so kapitalistisches Wachstum zustandekommt, gilt als gebongt. Dass Unternehmen – hier Banken und große Geldanlagegesellschaften – diese Freiheit so nutzen, wie es ihrem Geschäftssinn entspricht, ebenfalls. Die Differenz zwischen dem, was staatlich erwünscht ist, ein stabiles und ungefährdetes Wachstum, und dem, was das freie Geschäftsleben zustandebringt, neben jeder Menge Wachstum eben auch die berühmten „volkswirtschaftlichen Verwerfungen“ bis hin zu Reichtumsvernichtung in großem Stil, ist ihnen einerseits auch weiter kein Grund zum Zweifel an ihrer tollen marktwirtschaftlichen Ordnung, andererseits aber durchaus Anlass zu andauernder Sorge. Aber sie wissen eine Lösung des Problems: Das ist die steuernde Hand des Staates, hier: der mit Staatsmandat versehenen Notenbanken. Die können und müssen es richten. Die professionelle Sorge der Wirtschaftsjournalisten grenzt sich also dahingehend ein, dass sie zum Himmel beten, die Lenker an der Spitze der Notenbanken möchten doch von tiefer Weisheit erfüllt sein. Sie messen staatliches Handeln an ihrer Idealvorstellung, nämlich daran, ob es mit dem passenden Instrumentarium, rechtzeitig und in geeigneter Dosierung dem Markt in die Parade fährt, um ihn auf die richtige Spur zu bringen. Und obwohl weder der FAZ-Mann noch die SZ-Frau sagen könnten, wann eine Anhebung der FED- oder EZB-Leitzinsen um wieviel Prozentpunkte erfolgen müsste, um weder die alte Blasenbereinigung zu unterminieren, noch die neue Blasenbildung zuzulassen, setzen sie schon mal vorsorglich den Verdacht in die Welt, dass die Geldpolitik Fehler machen könnte, vermeidbare wohlgemerkt, die „uns allen“ teuer zu stehen kommen könnten. Ihre Affirmation des Weltkapitalismus mit all seinen Folgen für Jung und Alt ist so total, dass nur noch ein winziger Spalt offen ist für „Kritik“. Aber der wird voll genutzt. Unsere Chefs, die müssten alle Widersprüche, die sie wollen, so managen, dass volkswirtschaftlicher Schaden gering gehalten wird – aber wehe, sie machen dabei „Fehler“! Dann sind sie bei Kennern unten durch.