Aus unserer Serie: Schon zum Frühstück ... PDF Drucken E-Mail
Die WR regt sich über Schlecker auf
Unter dem Titel „Zeitarbeit macht arm“ berichtet die Westfälische Rundschau am 12. Januar über die kreativen Ideen, mit denen die allseits beliebte Drogeriekette Schlecker (erklärtermaßen gewerkschaftsfeindlich, Video-Bespitzelung der Mitarbeiter ...) die Löhne ihrer Beschäftigten zum x-ten Mal drückt. Die Leute werden gekündigt und von einer eigens zu diesem Zweck gegründeten Zeitarbeitsfirma für den halben Lohn (6,50 €) wieder eingestellt. Das geht selbst der Regierung zu weit – von der Leyen will die Praxis von Schlecker überprüfen und „brachte zugleich mögliche Gesetzesänderungen ins Spiel“.
In seinem Kommentar zu der Angelegenheit („Skandalöse Verhältnisse“) fällt dem Chefredakteur der WR, Malte Hinz, auf, dass der „Aufschrei der Empörung in Politik und Gewerkschaften“ zwar „verständlich“ ist, aber keineswegs glaubwürdig. Denn, wie er sich und seinen Lesern ins Gedächtnis ruft, hat „der Gesetzgeber solche unternehmerischen Ferkeleien durch konkrete Regelungswerke erst möglich gemacht“. Mit dieser Bemerkung hat der Mann durchaus Recht, auch wenn er in seinem nächsten Satz gleich anders weitermacht. „Wer es zulässt, dass Menschen mit einem Stundenlohn von gerade mal 12,80 Euro entlassen werden können, um sofort wieder – diesmal allerdings für 6,50 Euro – den gleichen Job zu erledigen und überdies abhängig zu werden von staatlichen Transferleistungen, der handelt fahrlässig und gegen die Interessen der ohnehin nicht auf Rosen gebetteten Beschäftigten.“ Auch wenn es heutzutage fast schon Ausnahmecharakter hat, dass ein Redakteur dieser Tageszeitung mal einen Lohn von 12,80 Euro für schäbig hält – Malte Hinz irrt. Es ist nämlich nicht einfach „fahrlässig“ etwas „zugelassen“ worden, was dann, sozusagen ungewollt, „gegen die Interessen der ohnehin nicht auf Rosen gebetteten Beschäftigen“ ging. Vielmehr war genau das der gewollte und bewusste Zweck des jahrelangen staatlichen Herumreformierens am unerträglich „starren“ deutschen Arbeitsmarkt. Mit der staatlichen Genehmigung solcher Arbeitsverhältnisse und dem Aufbrechen der alten Tariflandschaft sollte Deutschland ziemlich flächendeckend zu einem Land werden, in dem sogenannte „reguläre Arbeitsverträge“ inzwischen die Ausnahme darstellen und die Masse prekärer Billiglohnarbeitsplätze einen enormen Druck auf diesen Restbestand ausüben. Und gerade der Staat hat in seiner Rolle als großer Arbeitgeber an allen Ecken und Enden sehr aktiv daran mitgewirkt, Subunternehmen und Zeitarbeitsfirmen ins Spiel zu bringen und seine überkommenen Beamten- und Angestelltenjobs loszuwerden – ob bei der Bahn, in Krankenhäusern oder bei Bauprojekten.

Dieses Ziel – nationale Lohnsenkung, Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und Verbilligung aller überflüssig Gemachten durch die Agenda 2010 ist ziemlich weitgehend gelungen. Und das betrachtet die Regierung unterm Strich natürlich kein bisschen als „skandalös“ und will zu den alten Bedingungen zurück. Gerade auf der sicheren Basis, was in dieser Frage an Verbilligung des Arbeitsvolks geleistet wurde, wirft sich die neue Arbeitsministerin jetzt in Pose. Solche Übertreibungen wie bei Schlecker sollen nicht sein – das sei denn doch des Guten zuviel. Zumal es in der Tat nicht unbedingt im staatlichen Interesse liegt, Unternehmer wie den guten Anton Schlecker, einen der 35 reichsten Männer Deutschlands, mit den dann fälligen Lohnsubventionen zu unterstützen – auch das eine Sorge, die den kritischen Chefredakteur der WR sofort befallen hat.
Apropos WR: Angesichts der von ihm festgestellten „skandalösen Verhältnisse“ fällt Malte Hinz am Ende nichts anderes ein, als „neue Gesetze“ zu fordern. Und zwar exakt von denjenigen, denen er eben noch den üblen Zweck einer „Umverteilung von unten nach oben“ nachgesagt hatte. Auch eine Art, (s)eine Aufregung zu beschwichtigen.

PS: Schlecker reagiert auf die staatlichen Ankündigungen mit einem taktischen Rückzug und will vorerst "keine neuen" Verträge mehr mit seiner Hauszeitarbeitsfirma abschließen.