
| „Unser“ Euro in der Krise wegen griechischer „Trickserei“? |
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Ist Griechenland trotz EU- und Euro-Mitgliedschaft pleite
oder gerade deswegen? „Machen die Griechen unseren Euro kaputt?“ – mit dieser Frage hat „Bild“ kürzlich die Schuldenprobleme eines kleinen Landes am Rande der EU in großen Lettern zum Schicksalsproblem der Nation und ganz Europas ausgerufen. Und die dazugehörige Wunschlösung wird in Frageform gleich nachgereicht: „Können wir den Griechen den Euro wegnehmen?“ Antwort: „Geht leider nicht so einfach!“, auch wenn Frau Merkel zwischenzeitlich dafür ist. Vom Bild-Leser über die Großökonomen bis zur Bundeskanzlerin befinden jedenfalls alle, dass die Griechen schwer über ihre Verhältnisse gelebt und sich die Teilnahme an der Europäischen Währungsunion erschwindelt hätten, weshalb sie „unseren Euro“ nicht verdienen.
Griechenland und seine Hoffnungen auf EU und Währungsunion Wie kommt es, dass einem Land wie Griechenland, das noch vor wenigen Jahren als eine wirtschaftliche Erfolgsstory galt, jetzt trotz Zugehörigkeit zu EU und mit dem Euro der Staatsbankrott droht? Ökonomischer Zweck der EU nach innen war und ist es, europaweit einheitliche, von einzelstaatlicher Regulierung möglichst unbeeinträchtigte Konkurrenzbedingungen für das Kapital herzustellen. Unternehmen sollen sich mit ihrer Konkurrenzmacht auf dem ganzen EU-Markt bewähren, diesen für sich nutzen und damit weltmarkttauglich werden. Und die EU-Staaten sollen von florierendem Wirtschaftswachstum profitieren, das sich auf diese Weise vermehrt einstellen soll. Schwächere Mitgliedstaaten kriegen zur Modernisierung ihrer Wirtschaft und Infrastruktur Subventionen, damit auch sie sich zu einem rentablen Kapitalstandort im Binnenmarkt herrichten können. So hat sich in Griechenland in den nächsten Jahren folgerichtig das entwickelt, was eben europäisches Geschäft ist: In- und ausländische Banken konnten ihre griechischen Geschäfte in der gemeinsamen Währung abwickeln. Der Zugriff auf den Kredit der Europäischen Zentralbank weitete ihr Kreditvolumen kräftig aus. Europäische Konzerne übernahmen dank ihrer überlegenen Kapitalgröße und Produktivität griechische Unternehmen und deren Marktanteile, verdrängten als Handelsketten mit ihren Supermärkten die kleinen griechischen Läden und machten so das Land zu ihrem Absatzmarkt. Das alles ist allerdings etwas anderes als der blühende Kapitalstandort, womöglich die wichtige Basis für Geschäfte des EU-Kapitals mit dem ganzen nahöstlichen Raum, wie es sich der griechische Staat von seiner EU-Mitgliedschaft erhofft hatte. Angesichts des ausbleibenden Konkurrenzerfolgs der griechischen Ökonomie im EU-Binnenmarkt war es da nur logisch, dass die Regierung sich den Euro als nationales Kreditgeld zunutze machte. Mit dieser Zahlungskraft hat der griechische Staat unbeirrt das Programm von Wirtschaftsförderung und Schaffung von Arbeitsplätzen weiter verfolgt, auch wenn das mehr und mehr eben nur darin bestand, was er selbst mit seinem Haushalt in Gang bringen konnte. Gleichzeitig war Griechenland aber vor allem immer ein verlässlicher Nato-Partner, auch wenn erhebliche Teile des Staatshaushalts für die stattlichen Waffenkäufe, vornehmlich in Deutschland, draufgingen. Darüber, dass die Griechen es mit der staatlichen Buchhaltung nicht so genau nahmen, wurde angesichts politischer Zuverlässigkeit und vorbildlicher Wachstumsraten gerne hinweggesehen. Auch das Finanzkapital störte sich nicht an solcher „Trickserei“ und kaufte eifrig griechische Staatsanleihen, die auf Grund ihres erstklassigen Ratings jederzeit bei der EZB hinterlegt werden konnten und daher als gute Geldanlage galten. Die aktuelle Krise Wenn Griechenland jetzt der Verlust seiner Kreditwürdigkeit droht, dann hat das seine Ursachen denn auch weniger im Finanzgebaren des griechischen Staates. Es ist vielmehr eine Folge des Finanzkrisenmanagments der USA und der EU-Staaten, die ihr Finanzgewerbe in der Finanzkrise mit astronomischen zusätzlichen Staatsschulden gerettet haben. In dieser allseitigen Ausweitung der Staatsverschuldung zum Zwecke der Bankensanierung und in dem unterschiedlich großen Missverhältnis von Schuldenbergen und Wachstum in den Euro-Ländern haben ironischerweise die genau damit geretteten Banken und ihre Ratingagenturen das nächste große Finanzrisiko entdeckt. Bei ihrer kritischen Neubewertung der Kreditwürdigkeit aller staatlichen Großschuldner auch innerhalb der Euro-Zone ist das Land mit dem momentan ungünstigsten Schulden-Wachstum-Verhältnis ein Kandidat für den Fall staatlicher Zahlungsunfähigkeit. Und einige Hedgefonds sehen genau in dieser Notlage, in die dieses Misstrauen den griechischen Staat bringt und die ihn zu höheren Zinszahlungen für seine Staatsverschuldung zwingt, eine schöne Gelegenheit. Sie wetten riesige Summen auf eine mögliche Pleite Griechenlands – und verschärfen damit nicht nur die Lage für die Regierung in Athen, sondern zeigen, dass auch der Euro überhaupt zum Objekt einer Spekulation gegen ihn werden kann. Das verweist allerdings auf die widersprüchliche Konstruktion der Europäischen Währungsunion selbst. Grundlage des Euro als gemeinsames Geld ist der Kredit der gesamten Euro-Zone. Aber die Verschuldung der Euro-Staaten fällt in deren jeweilige Souveränität. Sie machen mit ihrem Staatshaushalt und ihren Staatsschulden Standortpolitik, damit sich ihre Wirtschaft in der Konkurrenz auf dem gesamteuropäischen Binnenmarkt behauptet. Darüber findet eine Sortierung des Kontinents in erfolgreiche und erfolglose Kapitalstandorte statt. Denn indem jeder Euro-Staat versucht, seinen Kapitalstandort möglichst ertragreich auszubauen, machen alle einander die Erträge aus der Kapitalakkumulation in ihrem großen Gesamt-Euro-Land streitig, mit denen sie für ihre Schulden und das Gemeinschaftsgeld einstehen müssen. Mit ihrer Konkurrenz gegeneinander torpedieren die Staaten in der Währungsunion allerdings auch die Voraussetzung, auf der ihr gemeinsames Kreditgeld beruht: Jede Nation soll gleichrangig mit allen anderen und mit annähernd gleichem Verhältnis von Schulden und Wachstum für die Stabilität dieses Geldes bürgen. Also einerseits soll und will jede Nation mit ihrer Staatsverschuldung Wachstum für sich und gegen alle anderen Mitglieder der Eurozone schaffen. Und genau das soll die Spekulanten in Banken und Börsen davon überzeugen, dass die gemeinsame Währung Euro eine sichere und stabile Anlagewährung darstellt, in der man sich gerne anlegt! Die nächste Rettungsaktion Auf der Basis dieses Widerspruchs gerät die Verteidigung des Euro gegen die Anti-Euro-Spekulation selber zum Gegenstand der härtesten Konkurrenz der EU-Staaten darum, wer dafür die Kosten zu tragen hat. Pech für Griechenland, dass es als Exempel herhalten soll: Alles, womit Land und Leute in diesem Staat bislang überlebt haben, ist zu opfern, um den Staatsschulden auf den internationalen Märkten den Schein zweifelsfreier Haltbarkeit zu verschaffen und dadurch Schaden vom Euro, dem gemeinsamen Kreditgeld, abzuwenden. Dass der Euro seine uneingeschränkte Tauglichkeit als eine Währung beweist, in der möglichst viel Akkumulation des weltweiten Finanzkapitals stattfindet, dafür ist den Euro-Ländern kein Opfer groß genug – und zwar Opfer derer, deren gesellschaftliche Aufgabe ohnehin in nichts anderem besteht, als durch ihre Arbeit das in Euro bilanzierte Kapital zu vermehren. Europaweit wird den Damen und Herren Arbeitnehmern vorgerechnet, dass „ihr Euro“ in ihren Händen allemal zu viel sei, dass ihre Löhne zu hoch, ihre Rentenansprüche zu teuer seien, dass sie länger zu arbeiten und den Gürtel enger zu schnallen hätten, weil ihr Konsum, also die Ausgaben für ihr tägliches Leben, die Stabilität des Euro gefährde. In der Durchsetzung dieses Standpunkts hat sich Deutschland unter den EU-Staaten bislang besonders hervorgetan: durch eine in der Euro-Zone beispiellose Senkung der Lohnkosten, und nicht zuletzt durch einen mittels der „Agenda 2010“ durchgesetzten Niedriglohnsektor. Und die deutschen Gewerkschaften haben dabei vorbildlich mitgemacht: Ihnen ist kein Lohn zu niedrig, wenn es gilt, mit möglichst rentablen Arbeitsplätzen dem deutschen Kapital internationale Konkurrenzvorteile zu verschaffen. Unter Verweis auf die so durchgesetzten Opfer des eigenen Volks für die Kreditwürdigkeit der Nation und die kapitalistische Durchschlagskraft ihres Geldes verlangt nun Frau Merkel von der griechischen Regierung die radikale und schnellstens durchzusetzende Verarmung ihres Volkes – und zwar mit exemplarischer Härte, damit den anderen Pleitekandidaten der Euro-Zone (Portugal, Irland, Spanien, Italien) gleich klar wird, dass auch für sie kein Weg vorbei führt an dem anstehenden europaweiten Volksverarmungsprogramm zwecks Rettung des Euro als Geschäftsmittel des Finanzkapitals. Die sozialdemokratische Regierung Papandreou hat sich diesen Forderungen unterworfen und sieht sie als nationale Bewährungsprobe. Darin ist sie konsequent. Denn so, wie sie bisher die EU-Mitgliedschaft als Erfolgschance für die Nation gesehen hat, unterwirft sie sich auch jetzt der EU-Erpressung, dass nur ein unbarmherziges Armutsprogramm Griechenland vor dem Bankrott und damit dem totalen Zusammenbruch seiner Ökonomie retten könne. So bemisst sich eben jetzt der Erfolg der Nation. Das muss sie allerdings noch dem griechischen Volk beibringen. Da machen sich angesichts wiederholter Generalstreiks und Massenproteste einige Journalisten Sorgen – und manche Linken Hoffnungen –, ob die Griechen es womöglich an „Einsicht“ in die kapitalistischen „Sachzwänge“ fehlen lassen. Dagegen hat die Regierung in Athen klargestellt, dass sie sich wie jede moderne demokratische Staatsmacht zwar von allen Interessen „erpressen“ lässt, denen sie den Rang eines Sachzwangs zugesteht – aber auf keinen Fall vom eigenen Volk. Dabei haben die protestierenden Griechen gar nicht vor, der eigenen Regierung die Geschäftsgrundlage aufzukündigen. Sie demonstrieren, wie kämpferisch auch immer, letztlich für ihre Nation, die sich von der EU und der Euro-Spekulation abhängig gemacht hat. Zwischen der Notlage des Landes und den Nöten, die die Regierenden ihrem Volk vermehrt in Aussicht stellen, setzen sie ein ganz großes Gleichheitszeichen: Als Griechen sollen alle, Rentner, Tagelöhner, Kapitalisten und Regierung, gegen die auswärtigen Erpresser zusammenstehen. So wird aus dem Volksprotest eine einzige patriotische Bereitschaftserklärung: Wenn es dem großen Ganzen dient, ist man zu jedem Opfer bereit – wenn nur alle gleichermaßen Opfer bringen. Dem deutschen Volk braucht man in der Hinsicht gar nichts groß beizubringen. Den Wortführern der demokratischen Öffentlichkeit des Landes in Presse, Funk und Fernsehen reichen ein paar Tiraden über „mediterranen Schlendrian“, und schon ergreift das Publikum Partei. Für die Sache seiner Politiker und Wirtschaftsführer – und gegen „die Griechen“, denen eine ordentliche Verelendung gerade recht geschieht. Mit dieser Mischung aus Gehässigkeit und Ignoranz hält ein braves Volk offenbar besser aus, was seine Chefs mit ihm so alles anstellen, damit die Nation in der Konkurrenz ihren Spitzenplatz behält. Lesetipp: „Anmerkungen zu Griechenlands Staatsbankrott“ in: GegenStandpunkt 110 (soeben erschienen) |


