
| Enke-Feiern & Volkskrankheit Depression |
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Ein Volk in Trauerlaune Robert Enke, Nationaltorwart für kurze Zeit, nach Auskunft vieler ein sehr netter Kerl, litt an Depressionen, die ihn in Schüben übermannten und letztlich seinen Selbstmord hervorriefen. Nach allgemeiner Auskunft ist der „Erfolgsdruck, unter dem er stand“, ein Hintergrund für diese tragische „Charakterveränderung“; er ist mit dem Erfolgsdruck, der insbesondere ausschloss, über seine Probleme je etwas an die Öffentlichkeit zu lassen, nicht mehr klar gekommen. So weit, so schlecht. Insoweit ist Enke einer von vielen Fällen, in denen ein Mitglied unserer Welt der freien Selbstverwirklichung die Schwierigkeiten beim Erfüllen irgendwelcher (auch seiner eigenen) Anforderungen gegen sich selbst kehrt; eben nur ein prominenter Fall. Ein paar Schlüsse auf unsere sog. „Leistungsgesellschaft“ und die Psycho-Logik des subjektiven Zurechtkommen-Wollens in ihr kann man da schon ziehen. Was die Öffentlichkeitaus diesem Fall macht, ist etwas ganz anderes: Im sicheren Gespür für den Unterschied zwischen Normalos und einem Promi zieht sie den Hut vor der „tragischen Person“ Robert Enke, inszeniert eine Riesen-Trauerveranstaltung und gibt ein paar moralische Verhaltenstipps, wie man mit seinen Mitmenschen, die vielleicht ebenso krampfhaft wie Enke ihre Depressivität zu vertuschen suchen, umzugehen hat, um ihnen eventuell doch zur Seite stehen zu können. Der von allen genannte Grund für den Selbstmord, das Bemühen, mit dem Erfolgsdruck erfolgreich umzugehen, wird so nicht nur keiner Kritik unterzogen, sondern ausdrücklich ins Recht gesetzt. Darin hat die „größte nationale Trauerfeier seit Konrad Adenauer“ einen sehr zeitgemäßen Inhalt. In einem Augenblick kollektiver Gerührtheit steht das deutsche Volk zusammen und betrauert „den Enke in uns allen“. Macher und Stützen der Gesellschaft, Politik, Kirche, Medien bis hin zum DFB, haben schnell und professionell erkannt, welche Gelegenheit sich hier auftut, „uns alle“ zusammenzuschweißen auf der Gefühlsebene, aber auch mittels der daraus ableitbaren frohen Botschaft: Das Leben ist einfach hart, auch für die scheinbar Erfolgreichsten unter uns, und nicht jeder, der auf Teufel komm raus darin bestehen will, kriegt das letzen Endes hin. Das tut weh! Umso wichtiger ist es aber, dass ein jeder ständig mit sich und den eigenen Ansprüchen richtig umgeht und dabei von Seiten anderer Unterstützung findet! Und das so angesprochene Volk empfindet mit, was ihm da zur Deutung seines angestrengten Lebens angetragen wird. Denn damit drückt es mal wieder auf seine Weise aus, mit jedem Scheiß unbedingt klarkommen zu wollen. Volkskrankheit Depression ... Medien und Psychologenzunft sind sich einig: Depression ist heute, in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft, zu einem Massenphänomen, zu einer Art „Volkskrankheit“ geworden. Laut „Süddeutsche Zeitung“ gibt es in Deutschland 4 Millionen Betroffene, wovon 12.000 pro Jahr Suizid begehen. Da liegt der Rückschluss auf gesellschaftliche Ursachen eigentlich auf der Hand – und im Grunde haben den auch alle öffentlichen Stimmen in irgendeiner Form mitvollzogen. Allerdings in einer seltsamen Art und Weise. Da ist einerseits vom „modernen Leben“ die Rede, das die Menschen schon alltäglich enorm „stresst“ und zudem mit schöner Regelmäßigkeit Schicksalsschlägen aussetzt wie dem Verlust ihres Arbeitsplatzes; es wird darüber berichtet, dass sich die Leute von der Schulbank an einer fortwährenden Prüfungs- und Konkurrenzsituation ausgesetzt sehen. Einig sind sich die Experten auch darin, dass sogar Leute, die ihr Leben lang „nur“ fürchten, dass sie in der Konkurrenz scheitern könnten, oder Ängste entwickeln, ihr nicht mehr gewachsen zu sein, krank werden können, psychisch wie physisch. Andererseits setzen nicht nur die Medienprofis Gründe dieser Art ziemlich umstandslos in eine Reihe (und damit gleich) mit weiteren von erheblich anders geartetem Kaliber, etwa dem Tod einer geliebten Person, einer eigenen Krankheit usw. Was eingangs daherkommt wie ein selbstkritischer Blick auf „unsere Gesellschaft“ verwandelt die aufgezählten Ursachen damit ganz schnell in sachzwanghaft existierende „Umstände“, denen sich der moderne Mensch ausgesetzt sieht und denen er genauso „begegnet“ wie rein individuellem Unglück. Diese Verwandlung funktioniert darüber, dass man gekonnt nicht weiterfragt bei dem, was man so locker in die Diskussion geworfen hat. Man fragt nicht, warum es eigentlich an allen Arbeitsplätzen dieser Republik die zitierten „ständig wachsenden Ansprüche“ gibt, die nicht nur dafür sorgen, dass der Arbeitstakt von Fabrikarbeitern ständig erhöht wird, sondern alle von Dienstbesprechung zu Dienstbesprechung hetzen, ständig die Ergebnisse ihres Tuns „evaluieren“ müssen und selbst überall bewertet werden. Man fragt nicht, warum es so etwas wie ein Naturgesetz ist, dass immer mehr anfallende Arbeit von immer weniger Leute erledigt werden muss – ob bei Opel, in einer Zeitungsredaktion oder bei der Post. Man fragt nicht, warum „der Konkurrenzdruck“ nie aufhört und niemand mal einfach nur in Frieden mit sich und anderen werkeln kann. Und man fragt nicht, warum – wenn schon diese ganze Welt des Arbeitens so bescheuert organisiert ist – sich dann nicht alle wenigstens in der Freizeit in Ruhe lassen, sondern da mit ihren, jetzt endlich ganz persönlichen Forderungen aufeinander losgehen... Wenn man in dieser Richtung mal ein wenig nachdenken würde, dann käme man zumindest grob auf folgende Linien: • Der Zustand ewiger materieller Unsicherheit, nie endender Sorge um den Arbeitsplatz und das eigene Auskommen, ist das Prinzip dieser Gesellschaft und nur ein anderer Ausdruck für das, was sonst emphatisch „Freiheit“ heißt: Alle müssen das, was sie zum Leben und Sich-Vergnügen haben, in Konkurrenz zueinander und auf Kosten anderer erwirtschaften. Einigen gelingt das übrigens ziemlich gut – und zwar genau damit, dass sie den anderen die entsprechenden Sorgen einbrocken. • Diesem Prinzip der Konkurrenz müssen sich alle Mitglieder dieser Gesellschaft stellen, ob sie es befürworten oder nicht. Nicht die wenigsten halten es aber mit ersterer Alternative: Sie bejahen die gegebenen Bedingungen, den eigenen Vorteil in Konkurrenz zu anderen suchen zu müssen. Sie machen sich das Prinzip Konkurrenz zu eigen, zu ihrem eigenen Prinzip. Das hat allerdings Konsequenzen, die sich nicht auf ihren Broterwerb beschränken. • In eine fortwährende Konkurrenz gestellt beginnen sie damit, sich selbst ständig unter dem Gesichtspunkt wahrzunehmen, ob sie es vor den von ihnen verlangten Maßstäben „bringen“ oder nicht. Sie lassen jede Distanz zu dem fahren, was ihnen im ersten Schritt noch als Anforderung gegenübertritt, vor der sie sich bewähren sollen, und betrachten sich selbst aus der Perspektive der Prüfung, die mit ihnen veranstaltet wird. Bin ich gut? Bin ich gut genug? Und vor allem: Bin ich besser als die anderen? • Damit machen die Menschen, die es in der Konkurrenz um Schulabschlüsse, Jobs und Geld unbedingt „zu etwas bringen“ wollen, eine eigenartige Psycho-Logik auf. Sie stellen sich sozusagen neben sich und betrachten sich selbst als Vehikel dafür, den übernommenen, zum Teil auch freihändig umgedeuteten Erfolgskriterien gerecht zu werden. Sie fragen sich, ob ihre „Motivation“ stimmt, ihre Einstellung genügend „erfolgsorientiert“ ist oder ob am Ende ihre „positive Energie“ schon irgendwie zu wünschen übrig lässt bei dem, was sie unbedingt hinkriegen wollen: Versicherungsverträge verkaufen, Tore verhindern oder Kerle aufreißen. • Die Ansprüche, unter die sich selbst setzen, haben insofern auch nur noch bedingt etwas mit denen zu tun, die in der „objektiven Welt“ der ökonomischen Konkurrenz existieren, und sie finden sich auch ganz klassenübergreifend bei denjenigen, die es materiell „geschafft“ haben und sich lässig zurücklehnen könnten, wenn sie nicht „sich selbst“ noch einiges „schuldig“ wären. • Kein Wunder, dass von denen, die diesen Irrsinn partout mitmachen wollen, nicht gerade wenige depressiv werden angesichts dessen, dass sie den ziemlich maßlosen Maßstäben, die sie selbst oder andere ihnen setzen, nicht gerecht werden. Einige von ihnen machen dann irgendwann endgültig den Grund für ihr ewiges Scheitern in sich selbst, ihrer ungenügenden Persönlichkeit, aus und bringen sich um. ... muss man aushalten! Wenn das im Fall einer prominenten Persönlichkeit passiert – ansonsten bringen sich ja wie gesagt 12.000 depressive Menschen um, ohne dass das mehr wird als eine Zweizeilennachricht im Lokalteil! -, heißt die Konsequenz bei aller flächendeckend inszenierten „Betroffenheit“ natürlich keineswegs, einmal innezuhalten, sich die Gemeinheit einer Gesellschaft, die das Leben ihrer Leute so einrichtet, wirklich zu durchdenken und eventuell mal sein zu lassen. Der Schluss geht genau umgekehrt: Nachdem man kurz was über die Härten des modernen Daseins genuschelt hat – was, wie gesagt, eine überaus ideologische Fassung desjenigen ist, um was es wirklich geht: Menschen in den Dienst einer ökonomischen und staatlichen Konkurrenzveranstaltung zu stellen! –, dreht man die Blickrichtung kurzerhand, aber sehr entschlossen um. Jetzt kommt nämlich der Einzelne ins Visier, der diese Kiste nicht durchgestanden hat. Das schlichte Argument: Die anderen schaffen es doch auch! Oder sie tun zumindest so, als ob. Und tatsächlich: Mit Zusammenreißen und Anstand, sprich moralischer Disziplin und den oben beschriebenen Techniken psychologischen Umgangs geht ja wirklich einiges. „Also“– so lautet der fiese Schluss – liegt es letztlich doch am jeweiligen Individuum, wenn irgendwas schief gegangen ist. Das ist in der einen Hinsicht banal (schließlich hat da tatsächlich einer von vielen ähnlich gelagerten Fällen so reagiert), in der anderen ekelhaft, weil sich die professionelle Öffentlichkeit damit von vornherein auf den Standpunkt stellt, dass es komplett „normal“ ist, das, was den Menschen alles so abverlangt wird, auch hinzukriegen. Von daher würdigt man dann die besondere Tragik eines Falls, in dem es der Betroffene doch „eigentlich“ nach allen Regeln dieser Leistungsgesellschaft geschafft hatte, zu ihrer sportlichen Elite gehörte und nun „doch“ so dramatisch gescheitert ist. Es beginnt die Zeit des (medienmäßig ungemein produktiven) Nachbohrens in der persönlichen Geschichte (allerhand zusammen gekommen!); Familie, Freunde und Kollegen fragen sich, was man hätte merken und verhindern können (Teresa Enke: „Wir dachten, wir schaffen das mit Liebe.“) Die Experten in Sachen menschlicher Psyche dürfen sich äußern und diskutieren, ob es hätte anders laufen können, wenn man sie, ihre Pillen und ihre Ratschläge ernster nehmen würde usw. usf. *** Letzten Endes wird der Fall des Robert Enke so zu einer vorweihnachtlichen Erziehungsstunde für das deutsche Volk. Die Härten seines Daseins, objektive, die ihm eingeschenkt werden, ebenso wie subjektive, die es sich selber dazu schafft, sind „da“ und sie sind zu bewältigen. Das ist das fraglos feststehende Programm für jeden Einzelnen. Zugebilligt wird, dass das keine einfache Sache ist – manch einer kann daran zugrunde gehen. Allen wird der Imperativ verordnet, auf sich selbst und auch noch auf andere aufzupassen: Darauf, ob man selbst bzw. der Mitmensch trotz aller Schwierigkeiten beim Erfüllen fremder und eigener Ansprüche noch funktional bleibt, noch alles „irgendwie im Griff“ hat. Damit das nicht passiert, dass die Leute „austicken“, müssen wir alle als moralische Gemeinschaft auf jeden einzelnen aufpassen, ihn nicht wie ein „Rädchen im Getriebe“, sondern „als Menschen“ behandeln. Wozu? Damit er schön weiter macht und sich diesem Mist nicht am Ende noch ganz egoistisch entzieht! Schöne Auskünfte darüber, als was das in dieser Gesellschaft ja stets hoch gelobte Individuum und das nationale Kollektiv gefragt sind.
Psycho-Sprachbilder Aus dem unbedingten Willen, mit der kapitalistischen Welt, ihrer Konkurrenz, ihren Interessensgegensätzen und Zwängen zurechtzukommen, verdoppelt sich das bürgerliche Individuum in den abstrakten Willen zum Erfolg und sein Werkzeug, der an diesem Maßstab notwendig defizitär ausfallenden eigenen real existierenden körperlichen und geistigen Existenz. Statt mit Kritik an und Widerstand gegen die prekären Lebensbedingungen im bei allen Kriegen und Krisen quicklebendigen Kapitalismus beschäftigen sich moderne Bürger am liebsten mit sich, stacheln sich erst an und versuchen dann, sich wieder zu entspannen. Sie bewirtschaften ihr Seelenleben, loben und kritisieren sich, begutachten sich als Mittel ihrer selbst und werden spätestens daran plemplem, egal, ob sie dabei funktional bleiben oder krank werden. Deshalb ein paar Fragen zu den Sprachdenkmälern der um sich selbst Kreisenden:
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